Rudi – Mannsbild in den besten Jahren, selbsternannter Frauenchef von München-Ost, Lebemann im Kleinformat – von der S-Bahn aus dem Leben geschleudert, ist in eine geheimnisvolle Warteschleife zwischen Himmel und Hölle geraten.

„Trotzdem möcht ich wissen, was des hier soll! Als wenn’s im Leben nicht gereicht hätt!“
Rudi spannt die Flügel, faltet sie, ruckt kurz und hängt erneut reglos.
„Normaler Weis kommt der Mensch in Himmel!“ Verdrossen mustert er das Schwarz der Bäume, er glaubt einen Regentropfen zu spüren, er schüttelt sich. Drüben gehen in einer Wohnung die Lichter an. „Guten Morgen!“ entfährt es ihm. „Die Arbeit ruft!“ Er schnauft.
„Gern ein andermal wieder“ knurrt er böse vor sich hin, „aber dann ohne mich!“
Misstrauisch betrachtet er die Häuserzeile. „Alloa der Wecker, wenn er immer losplärrt hat! Was hab ich aber gewerkelt, bis ich die depperte Arbeit los war!“ Nun geht in einer anderen Wohnung das Licht an, er wendet seinen Blick ab. „Na war die Arbeit endlich weiter, und ich … Net anders, wie der Penner, der die Bierflaschln sammelt. Bloß, weil der Mensch was fressen muss!“ Er hält inne. „An`s Fressen hab ich ja net denkt, ich wollt ja nur die depperte Arbeit loswerden. Dass irgendwann des Arbeitslosengeld zu End ist… hätt mich ja der Schwiegerpapa einstellen können! Hat er aber net! Hat genau g´wusst, was dann passiert! Dass ich ang`schmiert bin, der Schauspieler auf Tournee und Klinkenputzer! Was ein ewiges Theater auch! Wie man grad drauf ist, was man sich in seinem angesoffenen Zustand zutraut, den coolen Typen, den Einsichtigen und sonst was spielen. Allein jedes Mal die Gaudi mit der Tante. Hätt man alles billiger ham können. „Komm Tante, tu an Zehner aussi!“ Fertig! Naa, geht natürlich net! In Türstock muss man sich wieder einibuckeln, artig in die Gegend blinzeln und die gewünschte Komödie spielen. Ist ja nicht unspannend gewesen, bloß, dass die Tante allawei erst nach der Aufführung zahlt hat. Dann der Hasi … Tommy war auch net so einfach. Der Burli …Mei der Burli! Ha, ha! Wie ich zu ihm reinmarschiert bin, er grad an seinem Auto rumgeschraubt… er gleich rückwärts ist. Hat er sich aber sauber brennt. Lockeres Lächeln in die Bappen gehauen und dann wieder die Sprüch: „Servus, Burli! Stell Dir vor, ganz zufällig bin ich in der Näh! Hab ich mir denkt, schaust mal wieder beim Burli rein!“ Rudi lacht auf. „Dann noch einen Schmarrn von irgendeinem depperten Irrsinnsjob… dass mir zwecks dem Vorstellen nur noch das Fahrgeld fehlt … Keine Chance hat er g`habt. Von wegen, dass ich nimmer gewusst hätt, wie er sich auf meiner Hochzeit betankt hat.“
Er stutzt, schnuppert kurz und spürt Behagen. „Ahh! Der Malzgeruch!“ Er späht zur Regerstraße, zur Paulaner Brauerei hinüber. „Hat die Frühschicht angefangen.“
Dann fällt ihm ein, dass die Regerstraße in die Franziskanerstraße mündet; gegen den nächsten Gedanken hilft kein Malzgeruch. In der Franziskanerstraße, wenige Häuser vor dem Rosenheimer Platz ist das Sozialamt. Unwillkürlich stößt er den Atem aus.
„Was bin ich da gehockt! Was hab ich da eine Zeit verballert! Dann wieder er, der Herr Sachbearbeiter, hätt sich gar nicht so ins Zeug legen brauchen, hätt mich nur noch verstehen müssen …“
Wieder ist eine Trambahn unterwegs. Über die Bonifatiusstraße fährt sie in Richtung Nockherberg. Angewidert lauscht er ihr hinterher. „Ausgerechnet in der Selbstmörderstatistik von der S-Bahn müssen mich die Blödels verbuchen. Die absolut falsche Statistik. Und wieso hätt ich überhaupt die Flatter machen sollen? Mit der S-Bahn schon überhaupts net. Wie ich aber auch auf die Idee komm, dass ich am Samstagabend noch nach Trudering fahren will. Die Leut unten am Marienplatz, wie sie wieder geschaut ham. Was war mir das so wurscht, … so Sternhagelgranaten voll. Aber des war halt die beste Zeit, nur noch arbeitslos und immer locker drauf. … Ich hätt kein Licht, keinen Ausweg mehr gesehen, wär wegen der Zwangsräumung total deprimiert gewesen, ein solches Gesäusel hat nachher die Runde gemacht. Als wenn die Mietschulden ein Problem gewesen wären!“
Gierig schnuppert er den Malzgeruch.
„Wo ich hier häng, ist mir natürlich klar, dass ich steil auf dem Weg nach unten war. Was hat mein besoffener Schädel aber auch Kapriolen kapriziert. Mei, die Beerdigung. Dös war scharf! Ich hier oben und unten der Sarg. Die eigene Beerdigung kann man sich ja net entgehen lassen.“
Mit diesem Gedanken nickt Rudi ein. Kurz darauf dröhnt ein Zug in Richtung Ost-Bahnhof, rund um den Ostfriedhof rüstet sich die Weltstadt für einen neuen Tag. Rudi wacht nicht auf.


So richtig schlecht geht es ihm also nicht, irgendwann wird er sicher auch erlöst werden, doch bis dahin muss er noch einiges aushalten; z. B. seinen ehemaligen Senior-Chef.


Es ist gegen 22Uhr, als Rudi zum Industriegebiet von Unterhaching hinunter gleitet. Sein Blick erfasst den Würfel des Bürogebäudes, lauft über das Ziegeldach der Betriebshalle, im selben Moment entdeckt er vor der Rampe die dunklen Schemen der zwei Audi-Karossen, er späht nach dem Parkplatz vor dem Bürogebäude, dort steht der VW-Golf der Juniorschefin. „Mist!“ Eine Minute später gleitet er durch das Giebelloch in den Dachstuhl der Halle. Unten in der Halle brennt Licht. „Eine Frechheit! Nix, als eine Frechheit! Als wenn’s daheim keine Betten hätten!“ Er durchfliegt die Balkenkonstruktion des Dachstuhls, spreizt die Flügel und hängt an seinem Lieblingsbalken. Misslaunig späht er durch die Halle und bemerkt den Lichtfleck, der im Hintergrund der Halle über die staubigen Regale tanzt. Er muss nicht hinunter fliegen und nachschauen, er kennt dort unten jeden Quadratmeter, er lauscht.
Ein verhaltenes Schurren dringt zu ihm herauf und nun weiß er Bescheid.
„Der sucht den Umschlag. Vorgestern hat er auch schon gesucht. Des werd a schöne Gaudi wern. Wo’s um 40 000 Mark geht, wo er wieder einen beschissen hat …nächste Woch is Gerichtsverhandlung. Hat ihm der Herr Junior wieder einen saubern Streich gespielt.“
Ein metallenes Knacken tönt durch Halle. Unwillkürlich zuckt Rudi zusammen. „Du Vatter!“ sagt die Lautsprecherstimme der Juniorchefin. „Der Dr. Strecker ist am Telefon! Es geht um die Beurkundung! Ich hab das Gespräch auf deinen Apparat gelegt!“
Schwere Schritte sind zu vernehmen, eine Türklinke quietscht, eine Eisentür kracht ins Schloss, die spärliche Beleuchtung erlischt. Rudi atmet auf. „Danke! Lieber Dr. Strecker!
Ist er endlich weiter! Komm ich endlich zum Schlafen! Obwohl … noch besser wär der Vollstrecker, damit endgültig a Ruh is …“
Argwöhnisch lauscht er zu den Büroräumen hinauf. „Gleich geht da oben der Fetz los …
Doch da knackt erneut die Türklinke, auch die Hallenbeleuchtung springt wieder an.
„Aber geh, Vatter!“ hallt es durch das Treppenhaus. „Jetzt reg dich doch net so auf!“
„Ach was!“ dröhnt es aus der Tiefe zu Rudi hinauf, „wie kann ein Mensch nur soviel studieren und trotzdem so dumm sein! Wenn ich zum Notar gehe, heißt das doch nicht automatisch, dass ich das gleich im Grundbuch eintrage! Dieser Dummkopf!“

Neben der Chef- und Büroetage gilt es auch die wackeren Kollegen zu ertragen.

Er schiebt den Kopf unter den Flügeln hervor und lauscht. Irgendwo da draußen ist ein Wagen unterwegs. Er horcht, konzentriert sich auf den Klang des Motors. Einen Sekundenbruchteil später weiß er Bescheid: Es ist immer noch Nacht und es ist Joes Wagen, der mit Vollgas über die Industriestraße geheizt wird.
„Na! Bittschön net! stöhnt er auf, „Der Wahnsinnige! Bittschön fahr wieder heim! Net um viere in der Früh! Naa, Joe, bittschön net“ Er krümmt sich. „Fahr heim oder mach sonst was! Andere Leut vögeln um die Zeit … aber du gehst arbeiten!“
Nun ist der Wagen vor der Halle, für einen Moment mischt sich Hard-Rock in das Motor-geräusch. Der Motor wird abgeschaltet, dann das Radio, eine Autotür schlägt. Rudi schnieft ungehalten, er weiß, dass Joe nun die fünf Stufen zur Rampe hinauf steigt, über die Rampe zum Ladetor geht, über die Tastatur die Alarmanlage ausschaltet und durch die Einmann-pforte herein kommt. Prompt wird ein Schlüssel in das Schloss geschoben, ein Schlüsselbund schrammt mit widerlichem Rasseln über das Türblech, - einmal – zweimal, die Tür wird aufgezogen – unten tritt Joe in die Halle. Joe wirft einen argwöhnischen Blick zu den brennenden Neonröhren hinauf, greift hinter sich nach der Klinke und zieht die Tür hart ins Schloss. Sein Blick sucht erneut den Dachstuhl. „Na Fledermausi, auch wieder daheim!“ ruft er hinauf. „Waren wir wieder Gassi!“
Er lässt den Blick durch die Räumlichkeiten schweifen. Im nächsten Moment eilt zur Werk-bank hinüber. Der Karton von gestern Abend steht an der Tischkante, Joe rümpft die Nase.
Er greift sich den Packzettel, betrachtet ihn ungehalten, legt ihn auf den Tisch, streicht die Knitterfalten aus dem Papier, blickt kurz in den Karton, legt den Packzettel hinein und schiebt den Karton gedankenverloren über den Tisch und weiter auf das Rollband, das zum Packtisch hinüber führt.
„Du Fledermausi! Verrat mir mal, was hier gestern los war?!“ Die Fledermaus hängt reglos. „Wär doch a Sach! Du Flughund!“ Fledermäuse reden nicht mit Menschen, Joe weiß das.
Er murmelt noch etwas von einem „sehr diskreten Flughund“, geht zur Biergartenbank hinüber, setzt seine Umhängetasche auf die Bank und beginnt sich umzuziehen.


Dafür dass Rudi ständig am Schlafen gehindert wird, dafür besitzt er wiederum ein Privileg:
Über ein Zeitrad fliegt er in den Leben seiner Kollegen herum, er späht deren Geheimnisse aus.



„Richtig!“ bestätigt Jerka vergnügt. „Ich gehabt jedes Nacht Party und eine scheene Auto! Jetzt Party fertig und Führerschein hat Polizei!“
Unwillkürlich müssen Joe und Markus lachen. Jerka tritt an das Tischchen zurück und lässt wieder den Kleberoller laufen.
Rudi studiert Jerka, der da unten schweigend vor sich hin werkelt. „Der Mann, der sein eigenes Opfer ist!“ geht es ihm unvermittelt durch den Kopf. Ein knappes wie fundiertes Urteil, Rudi kennt sich mit Jerkas Leben gut aus. Er weiß, dass Jerka nicht nur eine Putzfirma hatte, Jerka war auch mal Wirt gewesen. Allerdings hatte er sich öfters nicht an die Sperr-stunden gehalten und bald jede Nacht hatte das Blaulicht vor der Kneipe geschwappt. Jerka hatte wieder eine Schlägerei angezettelt; weil so etwas lustig ist, und was lustig ist, ist auch gut für das Geschäft. Wie die Sache mit dem Führerschein gelaufen war, weiß Rudi auch. Jerka hatte sich einen gebrauchten Toyota gekauft; damals noch ohne Tempobegrenzung.
Die 300 auf dem Tacho lief er zwar bestimmt nicht, der Vorbesitzer hatte aber gemeint, dass 270 drin sein müssten. Nachts um eins war Jerka dann auf die Salzburger Autobahn raus und hatte den Pferdchen mal die Sporen gegeben. Unter Fernlicht war er wie ein Komet durch die Nacht gezogen.
„Die Polizei? Das wollte er sehen, wie sie ihn verfolgten – so sie überhaupt etwas merkten.“ Plötzlich war vor ihm auf der Fahrbahn ein riesiger Lichtkreis gewesen. „Stop Polizei“ stand darin groß und schwarz zu lesen. Er wollte Gas geben, wollte darüber hinweg fahren, doch das Gaspedal stand bereits am Anschlag. Der Lichtkreis war geblieben – blieb unbewegt vor ihm auf die Bahn gemalt. Jerka begriff, über ihm stand ein Hubschrauber. Er hatte das Fernlicht weggenommen und den Wagen ausrollen lassen. Auf dem Standstreifen hatte er angehalten und gewartet. Irgendwann hatte ein BMW der Polizei vor ihm gestoppt, zwei Beamte waren ausgestiegen und der eine hatte ihn gefragt, ob er mal den Sanitätskasten sehen dürfte. Jerka glaubte, er hätte sich verhört. „Willst du mich verarschen?“ Der Beamte hatte keine Miene verzogen. „Machen Sie mal den Kofferraum auf!“ Er war ausgestiegen und hatte den Kofferraum geöffnet. Der Beamte hatte darin herum geleuchtet und plötzlich den Deckel zugeworfen. Im selben Moment hatte er Jerkas Faust im Gesicht gehabt.
Jerka hat aber auch seine lustigen Seiten, besondere wenn er trinkt, insbesondere wenn er mit andern trinkt und je mehr er trinkt, umso mehr lustige Sachen fallen ihm ein, und manchmal sind sie derart lustig, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann. Wie bei dieser Sache mit den Giraffen.
Er hatte mit einem Düsseldorfer getrunken, die Frau des Düsseldorfers hatte auch getrunken und irgendwann war der Düsseldorfer derart betrunken gewesen, dass Jerka die Frau am Handgelenk genommen hatte und mit ihr in die Büsche gegangen war. Anschließend hatten sie weiter getrunken. Und je mehr sie getrunken hatten, umso lauter war es um sie herum geworden, immer mehr Gesichter waren wie Lampions um sie herum auf und nieder getanzt – obwohl es doch mitten in der Nacht war. Auch der Düsseldorfer war so komisch geworden, hatte unentwegt auf seinem Stuhl geschwankt und ihn dabei nur noch angeglotzt. Wie sollte Jerka auch wissen, dass er sich das Unterhöschen der Düsseldorferin aufgesetzt hatte, dieses Unterhöschen mit den vielen kleinen schwarzen Giraffen auf dem weißem Stoff, der so weiß war, dass er zum Gaudium der Gäste weit durch die Adrianacht leuchtete.
Rudi schnieft geschmäcklerisch. „Net schlecht, … aber ewig die Gaudi mit der Polizei.“


Fledermaus & Cie., Zeitaufnahme des Jahres 1998, füllt mit 240 000 Zeichen etwa 120 Buchseiten.

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