Zyklus No.1 & No.2

Hans Andres Jörg Schön
Copyright beachten! Alle Rechte der Verwertung von „Zyklus No.1 & No.2“ liegen beim Autor.

 


Zyklus No.1:

Kaufmannsgesänge


I

Tiziano! Picasso!
Kommt und seht und malt
Malt diese Stadt ein letztes Mal
Landschaft als behauene Linie
Herbe Schönheit, fließende Luft
Portale
- Haus um Haus -
Jedes einzelne
Würdig eines Palastes
Samtschwarz die Nächte
Purpur der Morgen
Sonnenwagen im Azur
Und manchmal auch
Das Schattengrau
Zu Hauf geworfener Bücher, Schriften
Aber gestapelte Waren so mächtig
Schiffsbäuche im Trockendock
Geist und Güter dieser Welt
Kupfer aus Katanga
Platin aus Norilsk
Vadjevy - Du Holz der schwarzen Seele
Seide, Honig, alle Kaiser
Doch seit einem Monat
Jagen schwarze Störche
Nacht um Nacht
Schon klappern keine Schuhe mehr
Die Marmorhallen liegen still
So wie die Stadt
Ganz Ohr geworden
Werden wir nun selbst verhökert
Als Lagerfeuer Goldener Horden

 

 

II

Kontorbuch
Tempel des Janus
Aufgeschlagen alle Tage
Jäger und gejagt
Schlachtvieh - Nein!
Mein, dein, unser Haus
Dessen wir nie sicher waren
So auch nur einer sein Dach verlor
Jetzt, da so viele Hütten brennen
Nicht einmal unser Leben
Denn es kommt Wind auf
Schmeckst du den Rauch?
Und da!
Hör das Hämmern der Bordwaffen!
Staub über der Stadt
Hand an der Feder
Finger am Abzug
Damit geschrieben wird
Das Maß des vergossenen Weines
In der Breite des Flusses
Du aber notiere:
Pfeffer, Weihrauch und Myrrhe
Im Magazin und auf dem Stapelplatz
Und eile! Belade die Planken!
Da nichts mehr zu verdienen ist
Wird nur noch Geld verloren

 

 

III

Detonation, Digression
Aggression, Atempause
Oben auf aber die Kinder
Damit sie buchstabieren
Die Frauen aber an die Segel
An die Steuer
In den Wind
Draußen vor der Mündung
Werden sie Wasser finden
Wir jedoch schließen das Jahrhundert
Bilanz und den Blick
Auf die Heimat
Und legen ab
Damit endlich die Türme
Ihre Mäuler aufreißen
Warnen sollten sie
Sie aber klagen
Und dies sind die Preise des Tages
2 Mark 08 für den Dollar
272 Dollar das Gold
4 Dollar 60 für eine Unze Silber
Saeculum Saeculorum
Sechs mal tauschten die Völker
Wasser und Wein

 

 

IV

Gestern und Morgen
Liegen bei Gott
Das Heute in uns
Damit wir laschen
Boote, Schuten und Kähne
Zur neuen Plattform des Lebens
Ächzende Taue
Und der Ankerketten Schläge
Zeitzeichen!
Nichts hat Bestand
Und nirgendwo Garanten
Auf dem Pfänderparkett
Obwohl Welle auf Welle
War
Und wird sein
Scheinbare Wiederholung
Einzigartig
Jede für sich allein

 

 

V

Ein Millimetergrau am Horizont!
Vielleicht –
Das erste Wehen eines Echos?
Die Achtelnote eines Sturmes?
Der alte Schrei aus einem Maul von rotem Eisen?
Die Farbe Gelb?
Das aber unterscheide klar!
Wie ein Kapitän
Bevor der Wind umschlägt
Halbschlaf
Im Deckstuhl der Zeit
Mit einem Auge
Über den Kämmen der See
Denn Hast ist ein Privileg
Hochgeschreckter Schläfer
Du aber handele
Die Füße fest
Auf den wogenden Planken
Damit du auch künftig erkennst
Den Tag und die Stunde

 

 

VI

Die Schönheit der Sonne
Über dem Blau meiner Augen
Muss mir kein Dichter erklären
Doch möchte ich auch nie
Darauf bauen
Wie auch nicht mit dem Bauch
Mein Geld heimfahren
Oder mit Scheuklappen rudern
Denn mit Null zu beginnen
So lernte ich als Kind
Auch dass die Geometrie
Die einzige Kunst
Die nie irrt
Der abschätzbaren Unendlichkeit
Aber verweigere ich mich
Es sei denn
Ein anderer bezahlt

 

 

VII

Das Paradies
Sollen andere bringen
El Dorado, den Vergoldeten
Lass andere fesseln
Ihre Träume schickt unseren Müttern
Schönere Karten
Weiß nur deine Schwester
In die Herzen zu schlagen
Kinderaugen über
Pour le Merite
Wir hingegen
Leiten Gedanken am Zügel
Schachbrettordnung
Auf dem Börsenparkett
Dollar zu Franken
Ware wie Wechsel
Ebbe und Flut
Fangen wir Fische
Auf dem Rücken der Pferde
Und tauschen im Schilf
Fingergezwitscher
Monopole sind wichtig
Wie gestohlene Boote
Damit wir auch tauschen
Wasser und Wein

 

 

VIII

Messe die Kraft der Gedanken
In Münze
Himmel allein
Genügen den Dichtern
Leicht wie ein Hungertuch
Ist auch der Mondschein
Vogelfrei
Sonst müssten Mauersegler
Wie Steine stürzen
Doch die Erde zu brechen
Braucht erdige Hände
Lust am Rausch
Der Krume Duft
Winterzeit!
Den Lauf im Nacken
Geschiente Faust als Erntedank
Denn nur Stiefelknechte
Brechen und brennen
Schnaps und Brot
Die Kleider der Töchter
Die Enkel dazu
Die Raser, verbrannte Gesichter
Tobsucht in kochendem Blut
Zwischen Gebet und Stakkato
Beim Rucken der Panzerketten
Bis die Stille fällt
Mann für Mann
Die Münze im Mund
Das Ruder fest
In unserer Hand

 

 

IX

Wenn schon kein Verstand
Warum kein schöner Arsch
Als diese Narrheit
Einen Baum zum Buch zu schneiden
Zwanzig Denker zu zitieren
Um zu verkünden
Dass er auch nichts weiß
Sokratisch auf der Hühnerleiter
Er sei nur stets geschrieben worden
Er wisse nicht mal
Ob er sei
Dichtermund
Der nicht mehr betet
Burgenblick aufs Volk hinab
Zu seinen Füßen ein Gewimmel
Togajünger! Balztanzschritt!
Soll die Sorbonne
Die Augen senken
Und Padua
Ihm Flügel binden
Wir aber
Schauen auf seine Schuhe
Sodann in sein Gesicht
Dazu die Bankauskunft
Das genügt

 

 

X

Es schreit so mancher
Seine Ware in den Tag
Doch sein Haus ist leer
Prall ist nur sein Bauchladen
Voll Leimruten und Schlingen
An seinem Beutel aber
Ein Pack Juristen
- seine Filzläuse
Die ihn glauben machen
Bei einem Weib zu liegen
Wenn er vor den Schranken des Gerichts
Wieder zankt und rechtet
Wo doch die Kunst der Rede
Bewege den Preis
Zwischen Ankunft und Abfahrt
Doch nicht die Haltigkeit
Der Ware und des Geistes
Soll es einen Krämer ernähren
Täglich Tollheit und Lügen zu hecken
Die Mündel süß zu reden
Sich nur selbst den Mast zu brechen
Wie ein schlechter Kapitän
Ganz gleich wie der Wind schrallt
Alle Segel gesetzt
Im Schiffsbauch die Ratten und
den Pfeffer an Deck

 

 

XI

Willkommen alle
Ob aufrecht, willig
Oder ohne Liebe,
Ohne Dank
Aber alle
Mit vollem Herz
An Nadel, Axt
Und Zunge hängen
Sehnsucht nach der einen Seele
Hoffen auf ein Später
Bis dahin aber Siegelmasse
Damit wir Pirschler
Flüstern ihnen Wünsche
Auf festgezurrte Menschenhaut
Hammer oder Amboss
Was eine Frage?
Sind wir doch Pirschler
Um niemals das eine
Oder gar das andere zu sein

 

 

XII

Schreibe nach Tarik
An die Brüder Guzmao
Dass wir
Die Stadt als Zeugen
Ihre Kardamonblüten
Zu Fronleichnam den Fischen streuten
Denn was wäre
Mit einer Probe schlechter Ware auch bewiesen?
Zum andern
Wir keinen Ausgleich erwarten
Denn das wäre Beweis
Einer Freundschaft
Die offenkundig nicht besteht
Ohne Reverenz
Und ohne Gruß
Aber gesiegelt
Eine Abschrift Ad Acta
Eine Zweite an die Kontortür
Drei weitere aber nagle
An die Masten unserer Schiffe
Nach Oviedo, Gotha, Otranto

 

 

XIII

Aschegeboren
Studieren wir die Heilige Schrift
Doch Fruchtwasser
Aus der Rinne des Lebens zu schöpfen
Dazu braucht es die Ernte
Einer ganz besonderen Frucht
"Zufall" ist ihr Name
"Zufall" lautet das Wort
Von dem die Bibel nicht spricht
Trete die Kelter, tunke dein Brot
Koste und iss
Und du erahnst die Wurzel
Der Unsachlichkeit der Geschicke
Du begreifst die Beliebigkeit
Im Fortgang des Seins
Die Austauschbarkeit aller Begriffe
Gezeichnete gegen Getaufte
Bärtige wie Geschorene
Gebete gebrochener Worte
Und im Reiben der Schenkel
Gebiert sich immer das Gold

 

 

XIV

Wo der Teufel sich nicht traut
Die Schiffe und Speicher
Zu ernten den Wein
Da schickt er einen Kaiser
Einzusitzen
In die Rechte der Stadt
Kam er auf Nebelbänken
Vom Ende der Meeresahnung
Als wollte er ein Lächeln stehlen
Größer als seine Hände
Weiter als sein Blick
Sprach er im Schlaf
Noch wilde Worte
Ersehnter Ruhm
Gehauen in Granit
- Hoffnung
die stets mit dem Schwerte geht
Als Kaufmann
Habe ich ihn gelehrt
„Thalassa, thalassa!“*
Beim Lachen der Götter
Das aber
Hätte er wissen müssen

* Froher Zuruf heimkehrender Seefahrer im Alten Griechenland

 

 

XV

Gott
Verzeih uns Kaufleuten
Dass wir das Unglück nicht erfunden
Doch selbst noch jeden Kanzler foppen
Die Augen offen tragen
Sie jedoch
Ihr Herz am Bratspieß
Und einen frechen Klingelbeutel
Willig wie maßlos
Aufgeschrecktes Vieh
Wir jedoch sind angehalten
Maß zu halten
Zu zumessen
Kriege zu eröffnen
Frieden zu erzwingen
Gewinne zu fahren
Gewinne zu sichern
Und da es Gott gibt
Wird auch die Hölle sein
So wir einst
Vor die Schranken treten
Dann nicht
Als faselnde Knaben
Von einem Bein aufs andere
Sondern mit roter
Und schwarzer Tinte
Summa Summarum
Und Doppelstrich

Stuttgart, 25.12. 2000 bis 7.1. 2001
Nacharbeiten bis 2011

 

 

 

Zyklus No.2:

Bericht aus einem Museum,
aus der Abteilung für „VERLASSENSCHAFTEN“


I
Das Lehensschwert, Stahl, gebläut
Das Reichsschwert und ein Falkenhäubchen
Ein Säbel
„Allah, dem Allermildesten Erbarmer“
aus dem Schlamm vor Wien
die Heilige Lanze des Longinus
mit eingesetztem Christusnagel
die Stephansbursa
in Gold und Steine eingefasst
getränkt mit Blut und Erde
der Säbel Karls des Großen
ein Stück aus der Awarenbeute
dazu ein Tisch
auf dem ein Bundschuh
einst einen Aufstand kommandierte.

 

 

II
Auf einer Fensterbank vergessen
das Pfeifchen des Marschalls Turenne
mit Ascherest
der Landstrich
den er einst verrauchte
zum Gobelin
in frohen Farben
Schlacht am Granicus
Schlacht von Pressburg
Schlachten in den Trümmern
von Karthago, von Lepanto und am Weißen Berg
Tappisserien in Wolle, Seide
Rot in Rot und Silberfaden
für alle, die ein Szepter haben.

 

 

III
In Elfenbein
der Sage Märlein als Dekor
die Schlacht der Amazonen
heftig bewegter
Spieße und Brüste
der Deckelhumpen
Krüge, Kannen
Elfenbecher, Prunkpokale
auf rotem Samt
bacchantische Szenen
fingerkleine Tränenkrüglein
Kaiser Nero zugeschrieben.

 

 

IV
Schädelbecher, Taufpokale
Kelch mit einem Straußen-Ei
Doppelhenkelkandelaber
aus wasserklarem Bergkristall
Szepter oder Aspergile*?
Maria Theresia zu Pferd
Poseidon und Amphitrie
Liebe mit einem Satyr
in einem Himmel voller Steine
ein Zahn des Bischofs Wulfila
als Fassung eines Hyazinths
unter schwarzem Siegellack
in einem Krüglein aus Kristall
allansichtig, schwerelos
einer Fürstin
im Pesthauch letzter Atemstoß.

 

 

V
In einer Nische
die Augen zu Schlitzen
verworfene Blicke
kalte Lippen
Heinrich an Heinrich
Karl der V.
all ihre Brüder
- Skizzen an Skizzen -
Goldene Bräute
der ganzen Verwandtschaft
entsetzliche Fratzen.

 

 

VI
Allegorien von Gier und Lust
geschnitzt aus einem Walrosszahn
ein Mägdlein
von Florentiner Meisterhand
in weißen Marmor eingelegt
Metamorphosen des Ovid
auf Königsberger Silber
das Blutmal in die Stirn gesägt
holder Knabe, König von Rom
in Buchsbaumholz
tanzende Putten
Popos gereckt
spielende Eroten
die patschigen Händchen, ein Kichern
zwischen Bäckchen und Schenkeln
unverschämtes Wisperzwinkern eines unbekannten Nürnberger Meisters
sündigsüßer Lüste.

 

 

VII
Auf dem Schafspelz eines Wolfes
über Sandsteinstufen hingebreitet
eine Krönungstunika,
dunkelblaue Purpurseide
goldbestickt, Email und Perlen
ein Krönungsmantel aus Palermo
altdeutsch Rosa und Damast
ein Wappenwams des Herolds
mit Doppeladler, braunes Sanft
im Sankt Militär Maria Orden
des Ordens von der Eisenkrone
des Ungarischen Stephans Orden
Samt und Brokat
goldenes Vliess
und Nerz
immer etwas Nerz
- die Handschrift des Herrn Haus- und Hof- und Aller Erz Residenzdirektors.

 

 

VIII
Spielbrett
altersdunkel
Backgammon
oder Tric-Trac?
mit 32 Steinen
datiert auf 1537
Hofjagd-Ämterspiel
Federzeichnung / Wasserfarben
Reiher, Hunde, Falkenluder
auf 54 Karten
Schachbrett - venezianisch
aus Holz, Kristall und Chalzedon
Kartenspiel auf einem Stahlstich
- Europa und die Neue Welt -
das Heilige Römische Reich
aufgeschnitten / aufgeklebt
Memory? Monopoly?
Ein Spiel um acht Milliarden Golddukaten
Die Lüge eines Testaments
Kaiser und Kirche
aus der Hand geschlagen
die letzten 17 Karten.

 

 

IX
Heiliges römisches Reich
- ab Maximilian Eins dann deutscher Nation!
War das ein schönes Reiten
und für die Kleinen war´s ein Schauen,
1000 Jahre Welttheater,
das selbst als goldene Rumpelkammer
verlässlich noch sein Geld einspielt.
Ein Glanz, der mich zum Staunen bringt
als stünd ich tumb am Wegesrand
- ein Untertan vergangener Zeiten.

Doch ich sah auch drei Herren
umpirscheln die Vitrinen.
Der eine ist aus London
von der South & Crisbee Compagnie,
die anderen zwei sind Top-Designer aus Florenz.
Sie suchen wieder die Idee,
sie brauchen diesen Wahnsinns-Kick,
vielleicht die kühne Farbe – vielleicht ein Mosaik,
für die Boutiquen teuerer Straßen,
für das Geld auf dieser Welt,
die Frühlingskollektionen zu bestreiten.
Man schätzt halt das Besondere,
man hat es gern
das schöne Reiten.

*Weihwasserwedel, der Wedel befindet sich in einem Zierköpfchen aus Metall

Hannover, Juni – Dezember 2003

 

 

 

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