Wortstein

Hans Andres Jörg Schön

Copyright beachten! Alle Rechte der Verwertung der Werke unter „Wortstein“ liegen beim Autor.

Ein Wort zerstört einen Stein.
Eine Auswahl von Gedichten, geschrieben zwischen 1990 und 2000.


Vor hohen Bäumen
zerrissene Straßen
und diese Stille
die Reste einer Pfostenkette
am windgekrümmten Busch
zertretene Mauern
Im Gras verborgen
liegen Gleise
- ich folge ihren Spuren nicht
ich gehe nicht
zur großen Urne
das schwarze Wasser
wäscht kein Herz



Den Arsch gepackt
und zugestoßen
Flasche geleert
totgeschlafen
In später Nacht
in nasse Stiefel getaumelt
mit der Herde getrottet
aufgefädelt
den Namen geknurrt
einen Holm erwischt
und wieder in die Planken
getreten
bis zum späten Licht
Zur Baracke gestolpert
und die Flasche gepackt



Irgendwas
vielleicht die Pest
kommt in die Stadt
und verteilt
die schwarzen Mäntel
Fünf
müssen gehen
einer bleibt
mit mir
zurück
Das ist wenig
doch die Stadt
wird halten



Die Schwelle des Hauses
der Stuhl
der Topf
zerschrammt
umgetreten
zerbrochen
Ein Fensterladen
zieht eine scharfe
Schattenlinie
quer über Dielen
und -
klappt zurück
im Sonnenlicht
im schwarzgeronnenen Mus
glänzt kalt
ein Tritt



Ich wollt nur wieder
in die Stadt rauf gehen
und ein paar Menschen
niederstechen
- kein Blut
auf der Treppe
nur die Türen
sollten wieder schlagen
Doch es war die Nacht
als mir ein Schrei
vom Messer glitt
in das Schwarz
der Dächer floh
um als Schafbock
im Antennendickicht
beifallträchtig
langsam
zu verrecken
Mit jedem letzten Schrei
sich weiterzeugte
im Morgengrauen
Tür an Tür
zu stummen Bündeln
- aufgehockt



Die Segel hängen schlaff
in meiner Hand
zittert die Kompassnadel
im gelben Dunst
verraucht die Sonne
das Auge des Sextanten
bleibt hilflos
wie die Mannschaft
an die Reling drängt
die Blicke starr
die Sicht
wie Senkblei
erste Worte, laute
Rufe, der Meute
Toben, wildes
Fluchen hallt
gespenstisch hohl
kein Echo
bricht
die Segel



Kreidefinger schreiben eine Weisung
Heil verfügt – Dreikönigsgruß auf Balkenhoch
ein anderer Name wird gelöscht
Ein Legionär schreibt 40-tausend
fünf sind eine Faust
die später bricht
17 Nullen ein Geschäft
und der Rest
ist Euch bekannt



Es war nur Nacht
als Haut sich zwischen Hände legte
und Spinnenfäden zweier Leben
entschlossen hart
ein Kelchtuch webten
Der Morgen löschte eine Kerze
auf Deinen Lippen
die stummen Spuren Deiner Zähne
gesagt
und keine Fragen mehr


Von 1990 bis 2000 war mein Augenmerk allein auf die Welt des Gedichts gerichtet.
In der engagierten Diskussionskultur des Münchner Literaturbüros jener Jahre suchte ich die
Voraussetzungen und Möglichkeiten, Formen und Funktionen und gewiss nicht zuletzt die
Linien zwischen Gelingen und Scheitern zu ergründen.
Neben dem eigenen Schreiben interessierte ich mich für das, was andere schrieben; vier Mal
war ich Mitglied der Vorjury beim „Haidhauser Werkstattpreis“, dem heutigen „Lyrikpreis München“.
Es steht mir nicht zu, die eigenen Gedichte zu bewerten, meine Mitstreiter urteilten:
„Den Tendenzen, die an sich zeitgemäß wären, verweigert er sich, er schreibt postmodern!“;
„Er will mit jedem Wort treffen!“; „Er geizt mit den Worten!“

„Was ist das Minimum an Worten, damit man von einem Gedicht sprechen kann?“ Auch darüber
wurde damals diskutiert.

„Ein Wort zerstört einen Stein“ ist der Auswahl als Motto voran gestellt.

Ein derart mächtiges Wort habe ich nicht gefunden, allerdings das, was ein einzelnes Wort in
einem Gedicht bewirken kann, weil es unpassend ist oder keine Funktion besitzt, eventuell auch
nur am falschen Platz steht: Es zerstört ein Gedicht.

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