Steinbruch


Hans Andres Jörg Schön

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Ich suche nicht, ich finde.
Eine Auswahl von Gedichten, geschrieben zwischen 2001 und 2010.



NIEDERSACHSEN-SCHLUMMER-KAMPFLIED

Ein Mann ist doch kein Wort!
Und die Sonne? Bringt rein gar nichts an den Tag!
Das ist alles Unfug, schlechtes Deutsch,
Quatsch un` dummer Spaß!
Und da darfste dann nich glauben,
dass das hier nur einer mag!

Aber Lächeln! Feste, feste!
Hart dazu der Blickkontakt,
- hinterm Lächeln steht die Wand.
Wer das nich glaubt, der muss es fühlen:
Lieber, liebes Kollektiv!
Jeder Finger stinkt jetzt doppelt!
Jeder Schlach teilt sich durch Zehn!
Blattschuss, Blattschuss bist`s jewesen!
Hier hat keiner was jesehn!

„Richtig! Richtig!“ schreit ein Alter
(singt) „Denn wir sind Niedersachsen!
(spricht) Die Guten Ausländer singen mit,
die annern können sich mit die Glatzköppe
gleich ma wechscheren!
(singt) Denn wir sind Niedersachsen!
Sturm erprobt und Erd verwachsen,
Wo Luuch un Truuch so herrlich blüht,
Weil hier doch keiner nix verrääät!
(spricht) So! Gib mal die Mohammedaaner was zu trinken!
Aber bloß kein Wasser,
das glibberige Zeuch, in dem die Fische immer ficken!
Gib ihnen ma `n Korn!
(singt) Denn wir sind Niedersachsen,
dumm gebölkt und krumm gewachsen
von Herzog Widukiiinds Staaamm!“

Und da draußen, zwischen Staub und grauer Hitze
Hängeköppe übern Acker
Knochensäcke in der S-Bahn
Leiharbeiter in der Mache

Die? Im Dunkeln?
Um die kümmern - macht nur Kummer!
Und im Dunkeln sieht man nichts!



Weltdorf-Geschichten, dass den Zuhörern
die Ofenrohre zu den Ohren hinaus
und in den Himmel wachsen,
weil das Maul- und Augenaufreißen
nicht mehr ausreicht, die Hitz vom Herz
zu leiten, die Augen verkleben,
man schier verrückt wird,
wenn man sieht
wie sich das Land schält, aber nur
weil man nicht weiß, ob es wirklich passiert oder
die verzwirnten Augen verrückt spielen.
Die Erde müsste zittern, im Drehbuch
ist auch etwas von einem dumpfen Grollen
gestanden, aber nichts dergleichen passiert,
wenn es wirklich geschieht. Der unsichtbare Schälpflug
läuft, der Acker hebt sich wie eine Rindshaut,
wickelt sich um sich selber, wickelt sich weiter,
wickelt alles ein
bis zum Neubauviertel. Dort
bleibt er als Tunnelröhre liegen, als Lärmschutzwall,
dem zwar irgendwann die Luft ausgeht,
und dabei saumäßig stinkt, aber vorerst
die Quadratmeterpreise hebt. Zum Ärger
der Millionenbauern - die teure Scholle
zu früh verkauft!
Wer weiß was morgen ist, der eine hat
die falsche Bank, den falschen Fond
trotz Triple A,
der andere gute Karten, vielleicht auch Gottes Segen,
vom Himmel erfleht, die Hände erhoben
mit Blick auf das Dorf und,
weil es zu lange dauert -
vorsichtig die Zwiebelhaube mit beiden Händen
umschlossen, zart angedrückt,
der Sehnsuchtschweiß verzischt,
verklebte Hände als ewig betende Zwiebel.
Verharre im Gebet, wehe! Das Kupfer
reißt und kreischt, die Zwiebel schält sich,
träum ich oder spinn ich, aber das sind wieder
die Sachen, wo einem das Herz heiß wird,
es in den Ohren kitzelt.
Wallstreet knistert!
Glaube versetzt Berge und so schlimm
wird es hoffentlich doch nicht werden!
Aus Triple A rollt sich kein Acker ans Licht.



Gestolpere im Fadenkreuz
Durch Scherben der Erhabenheit
Die Nächte sich am Spieß gewendet
Verwehter Platz - zu viele Fragen

Als Antwort: Die Lärmwand einer Autobahn
Rechts unten ist das Gaspedal
So schön ist das - so losgelöst
Auf abgetönten Scheiben

Warten
auf ein anderes Leben
Mit Blicken ohne Seitenhieb
Mit Worten ohne schwarzen Rand
so schwer
dass nur in einer Dichterhand
der Hammer noch zur Feder wird
vielleicht
- um Frauen anzupöbeln

Vor den Scheiben halben Lebens
Plötzlich eine leere Flasche
Über Holpersteine springt
Hell und heller klingt ihr Lachen

Während neben mir
So ein kleiner Schwalangschör
aus irgendeinem Weit im Osten
lustig hetzt und wieder witzelt
Türken einfach „Scheiße“ findet
Und die sich hier verpissen sollen
Weil die hier nichts zu suchen haben
Bald schön was auf die Fresse kriegen



Ein Pochen
Kurz!
Am Horizont

Schatten eines Flügelschlags?
Anfang einer Illusion?

Staunen
Tasten
Auf der Zunge ein Erahnen
Keine Frage nach dem Nutzen
Lust
Und keine Enzyklopädie
Ein Erschauern mir zu zähmen
zu entfesseln

als Spiegelbild
in einem Bild

Freie Leinwand
Aufriss, Schussfeld, Proportionen
Narziss ist sich selbst genug:
Nur Bewusstsein
keine Worte
Himmel
Erde
Zwischen Fingern Maß genommen
Und ein Antlitz abgeleuchtet
in der Krümmung meiner Hand
angerührtes Feuersegel
Alle Kraft
zum Himmel quer

Kontrapunkte im Stakkato
Pinselschlag und Einschussloch
Klauen packen in die Farbe
Und die Finger toben weiter

Farbe!

Das ist Energie



Nimmerland

Der Wurm - liegt schlaff
Erkaltet - die Lache

Worte - in Klanghaut
Füllen - fühlbar den Raum
Trautes Pochen - an Seele
Deutsches Trauma - und Traum

Kopf! - Aufrecht!
Stuhlgelehnt! - Arme verschränkt!
Tief - sind die Wälder
Kein Stuhl - wird gerückt

„Freischütz“ - in der Dämmerung
auf Spitze - getanzt
„Samuel! Samuel“
Schönheit - braucht Bruch

Stille!
Schräg im Raum - hängt ein Diskant!
Atonal! - Unterlegt mit stetem Pochen
schwebt leuchtend blau - ein Diamant
als wär da - alter klarer Wein
Signal!

Es drängt - aus Gräben, aus Kaminen
Projektoren - feuern Fotoleben
Originale – zerschreddert –
schwarz-weiß - tobt ein Augenregen

Hinab, hinunter - in das Loch der Seele
Ohne Leiter - ohne Strick
Hypothek und - Menetekel
Lichtung - ohne Pfad und Wege

Giftig - glänzt die Drachenhaut
Taufbad - unter Wortportraits
Wohnhaft - unter schwarzem Segel
Das Herz gefüllt - mit Siegellack



Fata Morganen

Punkte – auf den Fingerspitzen
Dörfer – Kurven – Straßenkarten
Lebenslinien – Ausgezogen – Für ein Lächeln

Im verdrehten Autospiegel – Apartes Profil
Pange – Ein Schloss, ein Garten
Hoffen – Wiegen, Schweigespiele

Paris – Montmartre – Die Normandie
Schnelle Sprünge – Tasten, Suchen, Zweifelblicke!
Stimmungs-Richtungs-Tanzgetänzel
oder – steter Launentanz?

Das Pendel – es wartet

Die Festung von Bitch – Schwalben
Sie fliegen – als wollten sie die Erde verlassen
Störche – mit Liebesknochen
Klipp-Klapp – und das auf der Straße!

Nord-Vogesen – Mondscheinberge
Burg um Burg um Blumenburg
Fließend flüssig Merlinsland

Himmel über Jahr und Tage
der Erde sich entgegen spannen
Buchen – Schweigen für die Ewigkeit

Grüne Föhren, roter Sand
Zeugenberge, Venushügel
Glitzer – Taumel
Ein Bild in warmer Luft
Warum – steht dir immer Unmut im Gesicht?

Irgendwas mit Grün und dieses Rot
Vergeht! – Warum?
Verrinnt zum Punkt – im Pixel! - - - Von was?!

Heute Nacht fiel Schnee – und bevor ich vergesse:

Handy-Gezwitscher – und zertreten die Kirschen
Ein Wallach auf der Weide – die Netzhaut dröhnt
Afrikanische Tänze – Tabletten mit Maske
Handgewicht? Augenmaß? – Das Pendel, es krümmt sich!

Ein Blaulicht mit Tonband – hat aufnotiert:

Lässig die Welt – spendabel im Schweigen
am Plattenbau – mit den Matratzen
zerschlagene Möbel – vor der Tür



Kleines Wiegenlied für Ragnhild

Bist du Sonne? - Bist du Regen?
Bist du Katze - oder Wind?
Und die Zukunft und das Gestern?
Lässt dich fallen - wie ein Kind!

Bist du Dunkel - oder Dämmer?
Wirfst dich sorglos - in die Arme
Lässt dich - auf den Armen wiegen
Kleines Herz - in großer Hand

Und die Antwort - auf das Gestern?
Und die Frage - nach dem Morgen?

„Die schweren Fragen - lass den Eulen!
Diese Vögel - sind sehr weise.
Für die Sonne - sind sie blind!“

Schaust mir - sinnend in die Augen
Spielst ein Lächeln - ein verschmitztes
Nimmst mich einfach - in die Arme
Küsst mich - auf die Nasenspitze



Mit dem Jahr 2000 betrachtete ich meine lyrisch-dichterische Schaffensphase als beendet,
mein Augenmerk war auf die Prosa gerichtet.
Bei den Gedichten der dann folgenden Dekade handelt es sich also gleichsam, wenn auch
nicht um ungeliebte, so doch um ungeplante Kinder.
Im Gegensatz zu den Gedichten, die in den neunziger Jahren entstanden, habe ich Form
und Worte nicht mehr derart intensiv hinterfragt – ob Geröll oder edle Quader, was der
Steinbruch auch hergab, kein Stein wurde verworfen. Keineswegs so zu verstehen, dass
ich nachlässiger war, aber gewiss selbstbewusster.

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Mauerwerk – erste Gedichte nach 2010


Hier gibt es nur Schlaraffia – Ihr Paradies braucht Pause!
Aus aller Länder Tafelfreuden – feiner Hände
schönster Gaben – durchlauchte Tropfen
Hüpfburg hoher Geister – für Seele und Magen

Kulinaria – gerollt in Muskat, in Zimt
Elastisch spannungsreich – Schnecken in Aspik
Mus von Entenleber – auf Lorbeer serviert, flambiert und gelöscht
aus Rotweingläsern geschliffener Poesie
ein edler Sizilianer – im Rubin des Glases spricht

Fangfrisch der Lobster – in Leidenschaft der Koch
Russisch der Stör, ein Schweizer – als Hecht
Rhabarber-Chutney auf Filet – Hummersauce von Grandezza
Ein Libretto – von Gaumengedicht

Mit einem Hauch von goldener Bremm* – Ananas auf Palmenwedel
Würfel – von Bruschetta Brot
Genießer – schnuppern geschmeichelt
Knoblauch con Fuga – die delikate Schweinsterrine
Solo tipo Levantine

Romantik – im Namen der Rose
vor Panoramafenstern – ein jeder Abend ganz in Rosa
Wir Meister süßer Sünden
wir schmelzen die Barbies dahin

Champagner lockt – verspielt, die Schokoladen
Augen weiden weiße Blüten
Aroma-Arien – Zitrusduft
Aller Sinne Sinfonien
Mozart – für Nase und Gaumen

Bruschetta di Toscana
Nuancen von Pfeffer – ein Kitzlerspiel mit Fruchtakzenten
Es krönt ein goldener Moscatel – serviert auf Wolkenbänken

Mit Aprikosen in Paloma-Seide – die Pfläumchen lackiert und geleckt
In Liaison von funktional und – erdverbunden
vollendet bio – ergonomisch
Das Porzellan des Hauses und natürlich – Ihr Besteck

Bremm*: Ginster; goldengelb blühend, saarl.- lothr. Platt
2.1.2011




Wer zaudert stirbt, wer zickt fliegt raus
das Meer ist ein Müllplatz – wir tauchen ein
Multitasking in Führungsposition
Der Antrieb ist in Dir

Sehen, Erkennen, Entscheiden
Information, Stimulation, Reaktion
Konzentration, Motivation,
Aktiv handeln – der Zugriff zählt

Puls, Atmung, Schwingung
sensible Elementerregung rhythmisch reflektierter Impulse
Störfaktoren austarieren
Denkkultur – Fadenkreuzakzent

Giga-Signale
Visier, Bilanz, Vertrauen – Freiheit
Cashflow pro Sekunde
harmonisch globalisierter Bewegungsgewinn

Stoßdämpfer, Kugellager, Gleichschritt
Kapazität, Marge, Effizienz – perfekte Symbiose!
Innovation, Anpressdruck – der Finger entscheidet
automatisch bis geschmeidig, druckresistent

Planungsbalance contra humanimmanenter Degeneration
Mensch-Kosten-Relation – zielrenitent
Differenzeliminierung nach Alpha-Diagnose:
Obsession, Kipp-Potential, Denkschwerkraft – Disfunktion

Credo: Optimierung! Maximierung! Genesis!
Frischfleisch, Dose, Walzwerk
Outputextrakt – die Tastatur reagiert
Drohnen kontrollieren das Schlachtfeld

Marathon-Wille entgegen Monotonie,
Bull / Widdersynthese, Test – Schnitt
Gesichtssynchron, Einzelkämpferpotenzial,
Nacken versteift, standardisiert gewissensfrei

Pressgas, stufenlos System gesteuert
Energieeinsparung: 87 Prozent!
Platinmatt oder Mahagoni? – Letzter Entscheidermoment!
Denn – Robos sind freundlich, auch Liebe ist möglich.

15.2.-27.2.2011



Alles ist Ausnahme
Links
Senkrecht
Die Wand
Die Reihen der Fenster
Pappelalleen
Linien
Geometrie
- und Flucht

22.10.2011

 

 

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Faust - im Visier des
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Dr. Faustus (1480-1540)
Quellentexte und Indizien
Münchner Asphalt Fledermaus & Cie. Autor
Die Hexenbulle König Ludwigs des Frommen