Münchner Asphalt / 1985-86


Autor: Hans Andres Jörg Schön

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Der Roman Münchner Asphalt behandelt Ereignisse im München der achtziger Jahre. Es liefert unmittelbaren Einblick in die Szenerie der Kurierdienste: „Hauen und Stechen“ lautet die Devise. Im Kampf um Kunden und Umsatz steht jeder gegen jeden.
Die achtziger Jahre präsentieren sich mit Telefonzellen, merkwürdigen Computern, mit Mark und Pfennig, und scheinbar absichtslos blitzt gelegentlich das auf, was man die jüngere Vergangenheit nennt.

„Fünfer! Wo? Wo sama?“
„Schenker in der Arnulf für Gilching geladen, jetzt Arnulf auswärts!“
„Fünfer! Stopp! Zurück! Hauptbahnhof! Gepäckausgabe gegenüber, da ist der Zoll! Zwei Kisten für Germering! Die Zöllnerin am Schalter weiß Bescheid! Verstanden?“
„Verstanden! Zoll im Hauptbahnhof, zwei Kisten für Germering!“
„Richtig Fünfer! Und Tempo!“
Toni schreibt auf den Auftragszettel eine Fünf, notiert die Uhrzeit, legt den Zettel zur Seite, sein Blick schießt über die Zettelchen auf der Platte. „Zwo Null! Wie weit?“, er schnappt sich einen der Zettel.
„Flughafen! Jetzt Profisped geladen!“
„Sehr gut! Gleich zur Lufthansa, am Schalter liegt ein Ticket auf den Namen Bächler!“
„Verstanden! Bei der Lufthansa, a Fahrkarten für Bächler!“
„Eins-Sieben! Wo?“
„Gronsdorf ausgeladen, jetzt frei!“
„Eins-Sieben! Sofort in die Hans-Pinsel, Dentallabor Schauer! Zweimal für Schwabing!“
Ein Telefon läutet, Toni hebt ab. „Grüß Gott! Speedkurier!“ Er lauscht, nimmt einen frischen Zettel vom Stapel und beginnt in Kürzeln zu notieren. „Aber selbstverständlich meine Dame! Zur Siemens in der Balanstraße!“ Er legt auf, schiebt den Zettel zu den anderen auf der Platte.
„Eins-Vier!“
„Eins-Vier!“ kommt es artig.
„Ja, wo san ma denn grad?“
„Sportscheck ausgeladen, jetzt frei!“
„Dann gehen Sie gleich zum Blumen Bahlmann im Rathaus! Nehmen Sie alle vier Sträuße mit! Verstanden?“
„Verstanden! Bei Herrn Bahlmann vier Blumensträuße abholen!“
„So is recht, Eins-Vier! Und gleich wieder melden!“
„Eins-Sechs!“ schreit Toni. „Wo?“
„Eins-Sechs! Noch zweimal Unterschleißheim! Dann frei!“
„Dalli, Eins-Sechs! Laden`s des Unterschleißheim aus und sofort wieder melden! In Schwabing brennt mir die Platte! Verstanden?“ Es läuten beide Telefone. Toni nimmt beide Hörer ab, meldet sich für beide Anrufer gleichzeitig, sagt: „Moment, bittschön!“, legt einen Hörer zur Seite, nimmt einen Anruf entgegen, notiert, legt auf, schnappt sich den anderen Hörer, meldet sich und notiert wieder.
„Drei-Drei!“ tönt es aus dem Lautsprecher.
Toni schreibt den Auftrag fertig, wirft den Hörer zurück. „Drei-Drei?“
„Halleluja draußen, weiter zum Wüschner!“
„Halt! Drei-Drei! Constantin Film! Zweimal Grünwald!“
„Verstanden!“
„Halt! Radio-Free-Europe am Tivoli! Bei der Wache melden! Geht auch nach Grünwald! Verstanden? Drei-Acht! Wo?“
„Salvatorplatz draußen, weiter Schwabing!“
„Super! Drei-Acht! Gehen`s gleich um die Ecken zur Brustmann! Eine Bluse für Schwabing! Empfänger zahlt bar!

„So, meine Damen und Herren!“ Wolfgangs Stimme ist kalt und drohend. „Die Zentrale wünscht einen guten Morgen!“
„Oh! Scheiße!“ flüstert Fünfer, als Wolfgangs Stimme aus dem Funkgerät dringt. „Dieses Schwein!“ Das Mikrophon in der Hand, das Schreibbrett vor sich, sitzt Fünfer, den Kopf eingezogen, hinter seinem Lenkrad.
„Fünf!“
„Fünf!“ antwortet Fünfer unbewegt.
„Gelt! Sie fahren doch alles?“ fragt Wolfgang lauernd und weidet sich an Tonis verzweifeltem Gesichtsausdruck.
„Ich fahre alles!“
„Dann fahren`s in die Truderinger zum Schmiedefuchs. Dort liegt ein Partyschirm, der hat fünf Meter, der geht zurück zum Feinkost-Käfer!“
„Verstanden! Hausnummer vom Schmiedefuchs brauch ich noch!“
„Gegenüber vom Cafe Linde! Und wer das nicht kennt, hat keine Lebensart! Verstanden?“
„Verstanden! Cafe Linde, gegenüber!“ Er feuert das Schreibbrett auf die Ablage, startet und fährt an.
„Rheda!“ ruft Wolfgang. Die Rückmeldung Rhedas kann Fünfer nicht hören, doch gleich darauf wieder Wolfgang: „Guten Morgen! Suchen Sie sich mal eine Telefonzelle und rufen mich an!“
„Wunderbar“ knurrt Fünfer, „der nächste Auftrag, der verschoben wird! Ich fahr einen Regenschirm und sein Rheda fährt Frankfurt und sonst wohin!“
„Fünf!“ schreit Wolfgang. Fünfer meldet sich.
„Sagen Sie mal! Wie lang ist eigentlich Ihr Laderraum!“ Fünfer sagt es ihm.
„Wieso nehmen Sie dann den Auftrag an, wenn Sie nur Zweimeterzwanzig reinbringen?“
„Weil, wir alles fahren!“
„Ihr Wort in Gottes Ohr! Dann fahren Sie! Und wehe, Sie fahren den Schirm nicht! Nicht, dass ich einen richtigen Fahrer hinschicken muss! Und wenn Sie sich den Schirm auf das Dach binden! Verstanden?“
„Verstanden!“ bestätigt Fünfer und denkt: „Depp!“
„Drei-Null!“ Fünfer hört, wie der Dichter sich meldet und dann wieder Wolfgang:
„Gelt! Sie sind doch ein Dichter! Wissen Sie überhaupt, was sich auf „Kurier“ reimt?“
„Wenn gar nichts hilft, dann „Bier“!“ Einen Moment ist es still am Funk, Fünfer grinst vor sich hin.
„Fünf!“ schreit Wolfgang.
Fünfer schnappt sich das Mikro. „Fünf!“
„Wie wollen Sie auf ihr Dach rauf kommen? Haben Sie überhaupt eine Leiter dabei?“
„Wenn gar nichts hilft, hat der Schmiedefuchs eine Leiter!“ Stille am Funk.
„Drei-Null!“ plärrt Wolfgang. „Fahren Sie nach Grünwald in die Harthauser 287! Melden sich bei der Baroness von Strackenitz! Da steht im ersten Stock ein Klavier! Das fahren Sie zum Klavier-Kohl! Verstanden!“
„Verstanden! Harthauser 287! Ein Klavier für Klavier-Kohl!“ bestätigt der Dichter eifrig.
„Genau!“ röhrt Wolfgang. „Das hat zweihundertfünfzig Kilo! Das können Sie stückweise die
Treppe runter tragen! Wie man ein Klavier auseinander baut, wissen Sie hoffentlich! Wenn Ihnen schon nicht mehr als „Bier“ einfällt!“
„Verstanden! Klavier auseinanderbauen und die Treppe runtertragen!“
„Richtig! Zwo-Neun!“
Die Rückmeldung des Zwo-Neun, des Hamburgers, kann Fünfer wieder nicht hören.
„Gelt! Sie haben sich gut eingelebt, Sie kennen sich in München schon gut aus?“
„Dann ham`s sicher schon eine Freundin!“
„Das muss Sie auch nicht wundern! Sie mit Ihrem komischen Norddeutsch!“
„Reden Sie keinen Schmarrn! Eine Lederhose zieht man nicht an, in der Lederhose wohnt man! Gelt! Und wo der Bayer die Alpenstange hat, wenn Sie das wissen, kriegen Sie auch ein Mädel ab!“
„Was? „Mädel“ ist nicht bayerisch! Fahren Sie mal zum IP-Courier, da liegen achtundsiebzig Sendungen für München! Gelt! Damit Sie wenigstens München kennenlernen! Verstanden?“ Wolfgang hält kurz inne. „Eins-Vier!“
„Eins-Vier!“
„Gelt, Sie mögen Blumen?“
„Ja, Blumen sind schön!“
„Der Florian, bei dem es im Gewächshaus so warm ist, der ist auch schön?“
„Nein! Der ist nett!“ Fünfer lauscht hingerissen Löckchens Stimme.
„Bei Ihnen sind alle nett!“ stellt Wolfgang misslaunig fest.
„Der Toni ist nett!“
„Und ich? Bin ich vielleicht nicht nett?“
„Nein!“ sagt Löckchen schlicht.
„Das kann sich die Zentrale auch nicht leisten!“ stellt Wolfgang zufrieden fest. „Eins-Vier! Den Florian! Nehmen Sie alles, was er an schönen Sträußen rumliegen hat! Zwo-Null!“
„Zwo-Null!“
„Zwo-Null! Blumen-Richter! Einen Kranz für Aufbahrungshalle Ostfriedhof, anschließend
Blumen Beate, dann Rosa Schleifchen und den Blumen Ottmar, den laden Sie auch noch ein!
Geht alles nach Grünwald! Damit wir hier das Gemüse vom Tisch kriegen! Verstanden?“
„Zwo-Null hat verstanden und notiert!“ antwortet Ronny unbewegt. Er haut das Mikrophon in die Halterung. „Für was fahr ich an Transporter, dass der mir die Petersuill neidruckt!“
„So! Hätten wir also die Garde versorgt!“ knurrt Wolfgang. „Halt! Drei-Vier!“

Don Juan war um sechs Uhr aufgestanden, hatte die Kaffeemaschine gestartet und war unter die Dusche getreten. Anschließend hatte er sich sorgfältig rasiert. Nackt hatte er eine Tasse Kaffee ins Schlafzimmer getragen und sie leise auf dem Nachttisch abgestellt. Eine Haarsträhne hatte sich unter dem zweiten Kissen hervorgeringelt, behutsam hatte er daran gezupft. Das Kissen hatte sich gehoben, zwei braune Augen hatten ihn schelmisch gemustert. „So eine Begrüßung am Morgen ist aber auch nicht schlecht!“
Er hatte sich zu ihr hinunter gebeugt und ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt. „Du, ich muss weg! Du findest dich doch zurecht!“
„Ach nein!“ hatte sie neckisch protestiert und sich träge bewegt. „Ein paar Minuten hast du doch noch Zeit?!“
Don Juan hatte noch ein paar Minuten Zeit.

Punkt sieben Uhr hatte er seinen BMW gestartet und war langsam die Leopold stadtauswärts in Richtung Euro-Industriepark gefahren. In Höhe der Münchner Freiheit hatte er sich bei Toni mit Standort Ingolstädter gemeldet und sich mit dem Verkehr weiter treiben lassen. Seine Standortmeldung lag zwar bestimmt einen Kilometer von der Wahrheit entfernt, doch wenn man sich mit einem BMW entgegen dem morgendlichen Berufsverkehr bewegt, kann bei entsprechender Beschleunigung eine Lüge fix zur Wahrheit werden.
Plötzlich war Wolfgang am Funk gewesen, worauf Don Juan Gas gegeben und auf die Überholspur gezogen war.
Jetzt, nur wenig später, rollt er in manierlicher Fahrweise auf den Parkplatz des „International Courier Services“. Er schaltet den Motor aus, dreht das Funkgerät auf volle Lautstärke, kurbelt das Fenster herunter, rückt sich die die Krawatte zurecht und steigt aus. Er lässt den Blick über den Parkplatz schweifen, „Der schwarze Benz vom Mister Kamenshine ist noch nicht da! Sehr gut!“ Er wirft die Tür zu, tritt an das Heck, sperrt den Kofferraum auf und beginnt kleine und kleinste Fusel von der Filzauskleidung des Kofferraums zu zupfen. Vorne aus der Kabine schallt Wolfgangs Stimme über den Platz. „Genau, mein Freund! Häng dich noch ein bisserl rein! Damit alle Welt deine blöde Plärrerei mitkriegt!“ Er hört, wie nach und nach die Angestellten des International auf den Platz fahren, wie sie die Autotüren zuwerfen, auf ihrem Weg kurz an seinem Wagen stehen bleiben, um dann lachend ins Büro zu eilen. „So ist`s recht!“ Emsig zupft er weiter. Plötzlich erspäht er den Nadelstreifenanzug des Herrn Kamenshine. Herr Kamenshine ist Amerikaner und Deutschland-Manager, und als solcher geht er stracks auf Don Juans BMW zu, stellt sich an das offene Wagenfenster und lauscht. Er sagt etwas, es hört sich wie „Fucken Bastard!“ an, und marschiert entschlossen zum Flachbau hinüber.
„Der Mister Kamenshine kann Deutsch!“ knurrt Don Juan vor sich hin, „Des hab ich mir schon denkt!“
„Drei-Vier!“
Mit drei Schritten ist Don Juan am Schlag, er greift sich durch das offene Fenster das Mikro.
„Drei-Vier!“
„Wo?“
„Beim International vor der Tür!“
„Sie glauben wohl, dass Sie hier der Star sind!“ brüllt Wolfgang „Dass Sie Privilegien haben!“
„Ich fahre Aufträge!“ gibt Don Juan kühl zurück.
„Gehen`s rein und holen sich die Tagestour für Nürnberg ab!“
„Verstanden! Nürnbergtour beim International!“ Er streckt sich in sein Fahrzeug und schaltet genüsslich das Funkgerät aus. „Das wird dein Glück gewesen sein, Burschi! Beim Mister Kamenshine, bist du nämlich ganz brav, da ist mit deiner Courage zu End!“
Zwei Minuten später steht Don Juan am langen Empfangspult und steckt zwei Dutzend, meist große Briefumschläge, in die richtige Reihenfolge. Offenbar eine schwierige Aufgabe, gleich drei junge Damen gehen ihm zur Hand, schließlich müssen sie aufpassen, dass er Ingolstadt, Regensburg und Nürnberg nicht durcheinander bringt.
Herr Kamenshine ist unbemerkt aus seinem Büro in den Raum getreten, betrachtet sich das eifrige Sortieren, schmunzelt und tritt in sein Büro zurück.
Die gefüllte Plastikkiste unter dem Arm, auf dem Weg zu seinem Fahrzeug, begegnet Don Juan der Fahrerin mit der Funknummer Zwo-Eins. Er erfährt, dass sie die Sendungen für Augsburg und Kempten fahren muss, dass die Drei-Eins auch noch kommt, weil sie die Sendungen für Rosenheim und Freilassing fahren muss und die Zwo-Drei übrigens heute die Garmisch-Tour fahren muss.
„Na wünsch ich gute Fahrt! Gelt“ verabschiedet er sich und grinst sich eins: „O mei! Was die alle wieder müssen! Aber bloss net zugeben, wie scharf sie auf die Touren sind! Bei dem dummgeilen Socken, da musst halt wirklich als Weib geboren sein!“

Toni ist in einem Speditionsunternehmen aufgewachsen. Das Wohnzimmer, mit großem Fenster zum Betriebshof, diente als Büro; diese praktische, wenngleich knauserige Raumnutzung, schien seinen Eltern die einzig vertretbare Lösung. Wer weiß, was die Zukunft bringt, Sparsamkeit schadet nicht; also hatte seine Mutter stets ihre geblümelte Kittelschürze, und sein Vater die blaue Latzhose getragen.
Treue Kunden, fünf Zehn-Tonnenlaster und ein ansehnliches Festgeldkonto waren die Säulen, auf denen der angesehene Betrieb ruhte.
Dass seine Eltern in ihrem Fleiß und ihrer Genügsamkeit die wirklichen Säulen waren, darüber wurde nicht gesprochen, diese Eigenschaften waren ihnen gleichsam angeboren.
Toni kehrte mit sechs Jahren den Hof und die Halle, mit acht Jahren wusch er die LKWs, mit zehn half er beim Laden, mit zwölf stand er mit anderen Spediteuren vor den Schaltern des Zollamts und reichte Zollanträge ein, mit vierzehn durchwühlte er unter der hohen Lichtkuppel des Hauptzollamts die Gebirge von Ballen und Kisten nach den Importsendungen der Kunden seines Vaters, mit sechzehn tippte er Rechnungen, mit achtzehn schickte er dem Wehrkreisersatzamt ein ärztliches Attest, machte seinen Führerschein, saß mit Hilfe einer außerordentlichen Genehmigung auf dem LKW und fuhr seine Touren.
Als er sechsundzwanzig war, fuhren seine Eltern zum ersten Mal in Urlaub. Auf der italienischen Seite des Brenners versagten die Bremsen eines Fernlasters. Unter den Unfallopfern befanden sich Tonis Eltern.
Ohne Zweifel hatte Toni das Rüstzeug, eine LKW-Flotte zu kommandieren und dabei so fair mit den Fahrern umzugehen, wie es ihm sein Vater vorgelebt hatte. Doch Toni begann sich zu verändern. Er entdeckte seine Lust am Auftritt, am Genießen, am Flanieren.
In München tobten die Siebziger Jahre durch die Nächte und da tobten nicht nur die Udo Jürgens und die Fassbinders, es tobten auch die Namenlosen. Schwabing war eines der Epizentren, den von dort ausgehenden Wellen, die tagsüber aus den Radios und von den Regalen der Kaufhäuser hinaus auf die Straßen schwappten, konnte sich keiner entziehen. Eine Welt war aufgebrochen, in deren Bedenkenlosigkeit die Strenge und Beharrlichkeit früherer Jahre plötzlich seltsam antiquiert, dumpf, ja sogar unnütz erschien. Eine neue Zeit, die mit ihrer Leichtigkeit warb und lockte, und auch Toni das Gefühl gab, das wahre Leben könnte ohne ihn verstreichen. Nicht, dass es Toni gereizt hätte, sich in die brausenden Nächte Schwabings zu werfen, dazu war er zu barock, er brauchte Raum. Eine Nachtkreischende Welle lässt keinen Raum und eine Leopoldstraße mit kreuz und quer geparkten Autos und schiebenden Menschenmassen erlaubt kein Flanieren. Doch am Seehaus am Kleinhesseloher See oder entlang der Tribüne der Trabrennbahn in Daglfing war ein Flanieren auch weiterhin möglich. Dort wurde Toni entdeckt. Er erhielt eine Einladung zu einer Feier auf Gestüt Achselschwang bei Greifenberg.
Also ging Toni zu einem Herrenausstatter in der Sendlingerstraße. Der Verkäufer schätzte Tonis breite Schultern ab, seine schmale Taille, drückte ihm einen Anzug in die Hand und schickte ihn in die Kabine. Toni schlüpfte in seine neuen Kleider, trat aus der Kabine, der Verkäufer stutzte. „Sie sind der König Ludwig! Sehen Sie selbst! Dort ist der Spiegel!“
Toni trat vor den Spiegel, ein fescher Mann schaute ihm entgegen.
Der Verkäufer geleitete ihn in die Hemden- und Krawattenabteilung und von dort zu den Herrenschuhen. Toni trat wieder auf die Straße, die Menschen starrten ihn an.
„Der junge König Ludwig in Blond!“ Nicht weich, angenehm hart.
Auf die erste Einladung folgte die nächste. Toni wurde herum gereicht, mit Toni konnte man sich sehen lassen. Er lernte Baden-Baden und Wiesbaden kennen, fuhr nach Paris, nach Nizza und Lugano. Toni hatte seine Welt gefunden.
Es gab noch eine andere Welt und die legte auf die feine Kundschaft nur insofern wert, als dass sie dafür bezahlte, mal so richtig unfein zu sein. Das war der Slivovitz-Keller in der Thierschstraße am Isartor. Die Gäste, das waren die, die trotz einer halben Schwabinger Nacht noch immer genügend Geld in den Taschen, aber von dieser Nacht noch immer nicht genug hatten und Frauen. Frauen, die in dieser Nacht auch noch nicht genügend abbekommen hatten.
Babic, der gemütliche Boxer aus Serbien, sortierte am Kellerabgang die Kundschaft, derweil auf den Tischen im Keller die Frauen zum Wettstreit antraten. „Welche pieselt am schnellsten ihre Kerze aus? Die Herren möchten doch bitte die Zeit stoppen! Die Siegerin bekommt eine Gurke! Serviert in einer gebratenen Saufotz!“ Der Wirt wusste, was seine Kundschaft brauchte. Toni ließ den Stoppzeiger seiner Uhr auf Null springen, der Saal begann zu toben, während Markus, der Gitarrist von „Konstantin Wecker und Band“, seine goldroten Locken schüttelte, weiter in seinen Whiskey stierte, mit der Faust auf die Theke schlug und schrie: „Und wenn`s mich derschlagen täten, ich wollt nie und nimmer a Nazi werden!“ Worauf Wecker sich an das Klavier setzte und die ersten Takte seiner Ballade „Gestern hams an Willi derschlagen“ improvisierte.
Toni lernte seine Frau kennen. Als seine Frau schwanger war, flanierte er mit anderen. Mit einer Frau, die einen Kindsbauch vor sich her trägt, kann man nicht flanieren.
Sein Betrieb verkam. Die alten Fahrer gingen im Zorn, die neuen Fahrer stahlen die Waren seiner Kunden, gingen achtlos mit den Lastwagen um, feierten krank und fuhren Fracht auf eigene Rechnung. Als Toni vierunddreißig war, legte die Bank die Hand auf sein Elternhaus, er bezog eine Vier-Zimmerwohnung in einem Wohnkomplex an der Hansastraße. Seine Frau begriff, dass sie einem Blender aufgesessen war. Sie suchte sich eine Arbeit in einem Laden für feine Damenwäsche und rückte bald zur Filialleiterin auf. Sie schlief nicht mehr mit Toni; das war ihre Rache, an ihm und an seinem Buben, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war und vielleicht deshalb seinen Vater so anhimmelte, als wenn es keinen Herrgott gebe, darüber das Denkenlernen vergaß und dumm blieb.
Toni, seit jeher trinkfest, begann dem Alkohol zuzusprechen, derweil seine Frau anderen Herren die schöne Wäsche gelegentlich auch selbst vorführte.
Toni stieß auf einige Herren, die bei der Firma Cosmos in der Sonnenstrasse arbeiteten. Die Firma Cosmos handelte mit Schweinbäuchen, mit Gold und mit Weizen. Allerdings nicht mit der physischen Ware, sondern mit Optionen auf diese Waren. Einige Jahre zuvor war zwar die Pleite der IOS durch die Presse gegangen, doch dass auf Grund einer Kältewelle in Mittelamerika glatte vierhundert Prozent mit Kaffeeoptionen innerhalb weniger Tage erzielt worden waren, ließ aufhorchen. Das seinerzeit noch sehr gewagte Renditeversprechen der IOS von unglaublichen achtzehn Prozent per anno war zu einer Marginalie geworden.
Das Thema Warenterminoptionen erregte die einschlägige Presse, es beschäftigte Bankkaufleute und Vermögensberater, es wurden Tipps gegeben, Adressen unter der Hand weitergereicht gegeben, es wurde von Cosmos geredet.
In einer Welt voll langweiliger Bundesanleihen und einem deutschen Aktienmarkt, der seit Jahren vor sich hindümpelte, wurde Cosmos zum goldenen Tor. Zahnärzte, Metzger, Hausbesitzer fuhren nach München, und trugen Aktentaschen voll Geld zu Cosmos hinein. Persönlich, versteht sich. Weil es sich um Schwarzgeld handelte, weil es die Hausbank nichts anging, weil man sich diese Cosmos mal ansehen musste. Nicht zuletzt, weil man sich dieses weihevolle Gefühl nicht nehmen lassen wollte, das gute Geld selbst in diesen goldenen Schlund zu schütten.
Das Hineinschütten blieb ihnen allerdings versagt, stattdessen gab es ein Stück weiter eine Bank, dort musste die Einzahlung getätigt werden. Cosmos war eine Vermittlungsagentur und keine Bank. „Cosmos – Vermittlungsagentur“ stand auch groß auf der „Risikoerklärung“ zu lesen. Die Kunden lasen nicht, sie unterschrieben. Wer will schon lesen, dass der Totalverlust des eingezahlten Kapitals möglich ist, wenn es vierhundert Prozent zu verdienen gibt.
Von Cosmos ging das Geld zu einer Agentur in Liechtenstein, sodann zu einer Agentur in Luxemburg und anschließend zur Muttergesellschaft in London. Die steckte sich das Geld in die Tasche und kaufte keine Optionen an der Börse. Das musste sie auch nicht. Eine Option wurde theoretisch an der Börse gekauft, mit einem Aufschlag von fünfundzwanzig Prozent nach Luxemburg weiter gereicht, ging mit dem gleichen Aufschlag nach Liechtenstein und wurde anschließend an Cosmos in München verkauft.
Gesetzt den Fall, dass innerhalb der Laufzeit eines Optionsscheins der Preis einer Ware sich doch vervielfachte, was konnte ein Kunde besseres tun, als seinen Gewinn erneut gewinnbringend anzulegen. Die Sache war also durchdacht, die Drahtzieher konnten in Ruhe Geld einsammeln, es gab keine Probleme. Doch es gab Toni.
Es konnte nicht ausbleiben, dass Toni einem älteren Kunden oder jemand, der von wirklich weit her gefahren war, zur Bank begleitete, irgendwann auch ein Geldbündel annahm, es irgendwann nicht mehr einzahlte, sondern ein paar Formulare stibitzte und den Kunden die Bestätigung über den Optionskauf zuschickte. Was London konnte, konnte Toni auch, und zwar ohne Umwege.
Doch dann unterlief Toni eine Unachtsamkeit. Der Kunde war ein freundlicher Herr und Toni sah keinen Grund, warum er seinem Kunden nicht schnell die Bank zeigen sollte. Sie traten in den Aufzug, im Aufzug standen zwei Herren. Woher sollte Toni wissen, dass die beiden Herren seit einer halbe Stunde nichts anderes taten, als mit dem Aufzug hinauf und hinunter zu fahren. Er sei doch sehr in Eile, erklärte plötzlich sein Kunde, ob Toni nicht doch das Geld annehmen wollte, es sei nur ein kleiner Betrag von fünfzigtausend Mark. „Fuchzig!“ dachte Toni „Da hat er recht, das ist gar nichts!“ Er nickte seinem Kunden freundlich zu und meinte, dass er das gerne erledige. Der Kunde zog einen Briefumschlag, ließ Toni ein Bündel grauer Tausender sehen, schob das Bündel zurück und reichte Toni den Umschlag. Toni nahm den Umschlag, eine stählerne Acht schloss sich um seine Handgelenke. Sie schoben ihn in einen Audi, einer der Herren griff zum Autotelefon, zehn Minuten später strömte ein Aufgebot in Zivil in das Gebäude.
In den Wochen darauf verschickten die Finanzämter unzählige Briefe und der Staatsanwalt setzte gegen Toni eine Klageschrift auf. Beim Termin trug Tonis Anwalt vor, dass sein Mandant nur behilflich sein wollte und bis heute ein nachweislich untadeliges Leben geführt habe. Der Richter nickte, der Vertreter der Staatsanwaltschaft schaute unwillig, die Sache war für Toni erledigt.
Seine dreißig Kollegen zerstoben in alle Winde und eröffneten eigene Warenterminbüros. Was Toni konnte, konnten sie auch. Nur, dass es jetzt viel schwieriger war, nachdem die Presse mit der Cosmos-Story einen derartigen Wirbel veranstaltete.
Toni ging jedoch Taxi fahren. Er wurde in die Funkzentrale versetzt, verschob Aufträge, wurde gefeuert und von der Kurierfirma „Speed-Kurier“ als Funker und Kundenwerber angeheuert.

Was treibt Toni, sich derart oft mit den Fahrern zusammen zu setzen? „Toni und die Fahrer“, äußerlich betrachtet, das Bild ist schief. Toni, schwergewichtig, imposantes Löwenhaupt, eisgraue Mähne, fleischiges Gesicht; selbst Don Juan, der gelegentlich in der Runde sitzt, gegen Toni wirkt er farblos.
Toni spielt soeben eine Partie Schach. Sein Gegner ist Wolfgang, sein Einsatz ist sein Job, sein Gewinn könnte der Posten des Geschäftsführers sein. Sein Angriff läuft über die Flügel.
Links hat er über seine Position als Funker aufgemacht, als Mann aus der Zentrale, zu dem jede Fahrerin, jeder Fahrer ein gutes Verhältnis pflegen will. Rechts hat er über seine menschlichen Qualitäten eröffnet, sein Ansehen als Kundenwerber, seine umgängliche Art. König und Dame hält Toni bedeckt; er ist fünfundvierzig Jahre alt, die besten Jahre seines Lebens hat er verbrannt, bei dieser Partie darf es nicht einen unüberlegten Zug geben.
Wie Toni sich auf dem Schachbrett präsentiert – ein friedliches Bild.
Entschieden frech stellt sich Wolfgang ins Feld. Durch seine Willkür und seine ungenierte Auftragsschieberei hat er seine Mitte entblößt. Gedeckt über den blühenden Profit sowie durch seine Macht als Geschäftsführer misst er seinen Bauern wenig Wert zu.
Die Drei-Eins, die Zwo-Drei und die Eins-Sechs hat er bereits weg geschoben, aktuell ist er dabei auch die Fahrerin mit der Nummer Zwo-Eins hinaus zu stellen und somit seine Dame zu riskieren. Da! Wolfgang hat soeben die Zwo-Eins weiter gerückt – noch ruht sein Zeigefinger auf der Figur. Toni starrt fasziniert.


Kurzexposé Münchner Asphalt / 1985-86
Der Roman, der in seiner Grundhandlung wohl in den Bereich der Wirtschaftskriminalität gehört, wurde als Unterhaltungsroman gestaltet. Da ist einmal der kernige Soziolekt, München selbst - die Weltstadt mit Herz, kommt nicht zu kurz und die Verortung im Jahr 1986 hat heute bereits den Charme einer Zeitreise.
Der Ton ist authentisch, der Dialog dominiert; der Leser ist sofort im Geschehen. In lebensnahem Kolorit wird ein Bild der Geschäftsabläufe und der persönlichen Rivalitäten der vorwiegend robusten bis bohemehaften Figuren gezeichnet.
Aus einer Fülle von Handlungsfiguren schälen sich drei Hauptakteure heraus, die in einer Grauzone von Kriminalität und brüchiger Solidarität schweben. Hautnah erlebt der Leser wie sich die Hauptfiguren zum Komplott und zur Tat zusammenfinden.
Der Roman „Münchner Asphalt“ wurde 2005 -2008 geschrieben, der Umfang beträgt etwa 300 Seiten.

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Quellentexte und Indizien
Münchner Asphalt Fledermaus & Cie. Autor
Die Hexenbulle König Ludwigs des Frommen