Faust – im Visier des Geheimdienstes


Autor: Hans Andres Jörg Schön
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Neufassung - Mai 2016
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Johann Georg Faust wurde um 1480 in Knittlingen geboren, um 1540 starb er bei Staufen im Breisgau eines gewaltsamen Todes.
Gestützt auf Publikationen von Günther Mahal, Wolfgang Behringer, Claus Priesner, Hartmut Boockmann, Heinz Schilling, Brian P. Levack u. v. a. werden die Quellentexte und Indizien zum historischen Faust neu betrachtet.

Neun Jahre hindurch – von 2001 bis 2010 – beschäftigte ich mich mit der Person jenes Johann Georg Fausts. Das Resultat war eine Reihe erstaunlicher Erkenntnisse; die Entdeckung, dass es sich bei dem Trithemius-Brief um ein geheimdienstliches Schreiben handelt, ist eine davon. Nachdem der Trithemius Brief in der Faustforschung von schlechthin zentraler Bedeutung ist, steht die Entschlüsselung des Briefs am Anfang meiner Essays rund um den historischen Faust.

Faust – im Visier des Geheimdienstes

Beweisstück ist der Brief des Johannes Trithemius, Abt bei St.Jakob in Würzburg, vom 20. August 1507 an Johannes Virdung, Hofastrologe in Heidelberg.
Jener Mensch, über welchen du mir schreibst, Georg Sabellicus, welcher sich den Fürst der Nekromanten zu nennen wagte, ist ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch, würdig ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage. Denn was sind die Titel, welche er sich anmaßt, anders als Anzeichen des dümmsten und unsinnigsten Geistes, welcher zeigt, dass er ein Narr und kein Philosoph ist? So machte er sich folgenden ihm konvenierenden Titel zurecht: Magister Georg Sabellicus (Nachkomme der Sabiner, italischer Volksstamm, der Weissagungen gerühmt), Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten (Weissagung mit Hilfe herauf beschworener Toter), Astrolog, Zweiter der Magie, Chiromant (Handliniendeuter), Aeromant (Wahrsagung mit Hilfe von Lufterscheinungen), Pyromant (Wahrsagung aus dem Verhalten von (Opfer-) Feuer), Zweiter in der Hydromantie (Zukunftsdeutung aus Erscheinungen in und auf glänzendem Wasser). – Siehe die törichte Verwegenheit des Menschen; welcher Wahnsinn gehört dazu, sich die Quelle der Nekromantie zu nennen! Wer in Wahrheit in allen guten Wissenschaften unwissend ist, hätte sich lieber einen Narren denn einen Magister nennen sollen. Aber mir ist seine Nichtswürdigkeit nicht unbekannt. Als ich im vorigen Jahre aus der Mark Brandenburg zurückkehrte, traf ich diesen Menschen in der Nähe der Stadt Gelnhausen an, woselbst man mir in der Herberge viele von ihm mit großer Frechheit ausgeführte Nichtsnutzigkeiten erzählte. Als er von meiner Anwesenheit hörte, floh er alsbald aus der Herberge und konnte von niemand überredet werden, sich mir vorzustellen. Wir erinnern uns auch, dass er uns durch einen Bürger die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er dir gab, überschickte. In jener Stadt erzählten mir Geistliche, er habe in Gegenwart vieler gesagt, dass er ein so großes Wissen und Gedächtnis aller Weisheit erreicht habe, dass, wenn alle Werke von Plato und Aristoteles samt all` ihrer Philosophie durchaus aus der Menschen Gedächtnis verloren gegangen wären, er sie wie ein zweiter Hebräer Esra durch sein Genie sämtlich und vorzüglicher als vorher wieder herstellen wolle. Als ich mich später in Speier befand, kam er nach Würzburg und soll sich in gleicher Eitelkeit gerühmt haben, dass die Wunder unseres Erlösers Christi nicht anstaunenswert seien; er könne alles tun, was Christus getan habe, so oft und wann er wolle. In den Fasten diese Jahres kam er nach Kreuznach, wo er sich in gleicher großsprecherischer Weise ganz gewaltiger Dinge rühmte und sagte, dass er in der Alchemie von allen, die je gewesen, der Vollkommenste sei und wisse und könne, was nur die Leute wünschten. Während dieser Zeit war die Schulmeisterstelle in gedachter Stadt unbesetzt, welche ihm auf Verwendung von Franz von Sickingen, dem Amtmann deines Fürsten, einem nach mystischen Dingen überaus gierigen Manne, übertragen wurde. Aber bald darauf begann er mit den Knaben, die schändlichste Unzucht zu treiben und entfloh, als die Sache ans Licht kam, der ihm drohenden Strafe. Das ist es, was mir nach dem sichersten Zeugnis von jenem Menschen fest steht, dessen Ankunft du mit so großem Verlangen erwartest.
Der Trithemius-Brief ist der älteste Beweis für die einstige Existenz jenes sagenumwobenen Johann Georg Faust. Unter den neun so genannten wissenschaftlich anerkannten Quellentexten ist er dazu der umfangreichste, in seinen Aussagen über Faust lässt er scheinbar keine Fragen offen. Abt Trithemius, der wortgewaltige Kirchenmann, liefert der Welt einen detaillierten Bericht und einen prachtvollen Verriss; gradlinig und entschlossen fällt er ein niederschmetterndes Urteil. Bis zum heutigen Tag bestimmt es den Blick auf den historischen Faust: „Faust, ein titelsüchtiger Egomane, ein Verrückter, ein Psychopath, ein renommiersüchtiger Prahlhans, …!“
Dabei lässt der Brief durchaus völlig andere Lesarten zu. Sie erschließt sich freilich erst, sobald man sich mit den historischen Gegebenheiten beschäftigt, in welche das Schreiben eingebettet ist. Grobianismus, verstiegene Ehrentitel, Provokationen und marktschreierisches Auftreten waren selbst den Gebildeten jener Zeit nicht fremd. Erst recht darf das von den Pillenverkäufern, Buckelkrämern, Wahrsagerinnen und Kristallsehern gesagt werden, wie sonst hätte man sich unter soviel Konkurrenten bemerkbar machen sollen. Faust allerdings führte nicht nur wilde Reden, er hatte sich obendrein einen Rattenschwanz von Titeln zugelegt. Strotzend vor überlegener Verachtung macht er sich die Welt zu seinem Popanz.
Das seinerzeitige Umfeld wird bei der Bewertung des Briefs wohl weiterhin wenig beachtet werden, sein Inhalt wird vielmehr auch künftig das Blut aller Faust-Enthusiasten in Wallung bringen: „Trithemius ist doch in keiner Weise glaubwürdig! Er hat Heiligenlegenden gefälscht, er hat Chroniken gefälscht. Und er hat 1507 Faust eingeschwärzt, um sich selbst als Saubermann zu präsentieren, nachdem er 1505 von seinen Mönchen bei Praktiken der Schwarzen Magie erwischt und davon gejagt worden war!“
Zweck dieser Polemik ist es, den Brief in seiner Aussagekraft zu entwerten, ihn zu einem reinen Existenzbeweis jenes Johann Georg Faust zu reduzieren.
Faust-Freunde sind rückwärtsgewandte Rebellen. Um keine Erklärung verlegen haben sie dem Gegenstand ihrer Verehrung, dem Teufelskerl zwischen Himmel und Hölle, aus noch jeder Patsche der ihn betreffenden Überlieferungen geholfen; der Vorwurf, dass Faust gemäß Trithemius auch ein Knabenschänder gewesen sein soll, liegt ihnen jedoch schwer im Magen.

Der Empfänger des Briefs
Johannes Virdung, Mathematiker und Hofastrologe zu Heidelberg, wurde 1463 in Franken, in Hassfurt geboren, er starb im Jahr 1538(?). Virdung lehrte an der Heidel-berger Universität Mathematik, Astronomie und Medizin, in jener Zeit galt er als der bedeutendste Astronom Deutschlands. Seine Reisen führten ihn nach Italien, Frankreich, England und Dänemark, er hinterließ bedeutende Bücher über Astronomie und Astrologie.
Als ihm Abt Trithemius über Faust berichtet, war Johannes Virdung als Astrologe für den Kurfürsten und Pfalzgrafen Philipp tätig. Neben dem Fürsten und dessen Verwandten weilten an die hundert Vertreter des hohen und mittleren Adels am Hof zu Heidelberg. Die Astrologie stand hoch im Ansehen, ohne Prognose wurde keine wichtige Entscheidung getroffen, Johannes Virdung hatte dabei den Mitgliedern der Gesellschaft bei Hof kenntnisreich zur Seite zu stehen – ob Heiratspläne oder Potenz-probleme, als Astrologe war er über jeden seiner Kunden im Bild.
Virdung besaß also Wissen, das für seinen Fürsten von hoher Wichtigkeit war. Nicht allein die Entrechtung der Bauern und die Zerschlagung des Dienstadels, der Ritter, war beschlossene Sache, die Fürsten betrieben auch die stille Entmachtung des ihnen nachrangigen Adels, also der Gäste an ihren Höfen. Der schrittweise Umbau einer vielschichtigen Feudalgesellschaft zu gleichsam einer Schicht von Untertanen ist in Gang gekommen. 
Ob Faust selbst ein guter Astrologe war? Die Quellentexte liefern auf den ersten Blick ein gemischtes bis positives Bild. Die Bewertungen der entsprechenden Textstellen tendieren dahin, dass Faust ein sehr gefragter Astrologe gewesen sein muss.

Der Schreiber des Briefs
Johannes Trithemius, als Johannes Heidenberg im Jahr 1462 in Trittenheim an der Mosel geboren, wird mit einundzwanzig Jahren Abt des Benediktinerklosters Sponheim, in der Gegend westlich von Kreuznach.
Er beseitigt die leichtlebigen Gewohnheiten der Mönche, er ordnet die Verwaltung, er konsolidiert die Finanzen und wird schließlich zum Visitator jener Benediktinerklöster ernannt, die sich zur Bursfelder Kongregation zusammengeschlossen haben.
Drei andere Kongregationen gruppierten sich um Kastel, Tegernsee und Melk. Italienische Benediktiner waren es um 1400 leid geworden, auf Reformen seitens des Vatikans zu warten, sie hatten sich zu Kongregationen zusammengeschlossen. 1417 war ihre Idee der Selbstkontrolle von den Benediktinern in Deutschland übernommen worden.
Als Visitator berichtet Abt Trithemius 1490 aus einem Kloster in Brabant: „Die drei Gelübde (Keuschheit, Gehorsam, Armut) … werden von diesen Männern so wenig gehalten, als hätten sie diese nie abgelegt … Den ganzen Tag verbringen sie mit unflätigen Reden; ihre ganze Zeit füllen sie mit Würfelspiel und Völlerei … sie haben keinen Gedanken an das ewige Leben, sie ziehen die Lust des Fleisches dem Heil ihrer Seele vor …  Ihre Verderbtheit stinkt rundherum zum Himmel.“
Trithemius liebt Bücher, er erweitert die Sponheimer Bibliothek von dem damals wohl in einem Kloster üblichen Bestand von etwa 40 Büchern auf über 2000 Bände; vermutlich die seinerzeit größte Bibliothek in Deutschland. Und er verfasst selbst Bücher; kein Thema ist vor ihm sicher: Kryptographie, Steganographie, Ordensregeln, Magie, Astrologie und viele andere Themen mehr, darunter das erste deutsche Literaturlexikon. Am Ende seines Lebens werden es 90 Werke sein.
Trithemius hatte keine Universität besucht, gegen den Willen seines Stiefvaters hatte er heimlich Latein und Griechisch gelernt, als Abt lernte er auch Hebräisch; anders als Johannes Reuchlin wird er als Mitpräsident des Generalkapitels wohl kaum den Umgang mit Juden gesucht haben, unter den Mönchen war wohl ein konvertierter Jude.
Der Ruhm der Sponheimer Bibliothek, seine eigenen Bücher, seine Reisen als Visitator, seine Gelehrsamkeit, führen Sponheim prominente Gäste zu: Johann von Dalberg, Johannes Reuchlin, Agrippa von Nettesheim, Conrad Celtis … Und sie sind über Trithemius des Lobes voll. „Ich habe das große, glänzende Licht der Welt gesehen“ schreibt Alexander Hegius. Von „Tritemio… praeceptori ter maximo“, von Trithemius, dem dreifachgroßen Lehrer, schwärmt Rufus Mutianus. Als „Glanz unseres Zeitalters“ und als „Arche der gesamten Weisheit“ bezeichnet ihn sein Schüler und spätere Kurfürst Joachim I. von Brandenburg. „Göttlicher Trithemius“ begeistert sich Cornelius Aurelius, der Lehrer des Erasmus von Rotterdam. Unter den vielen, die sich als Schüler des Trithemius bezeichneten, finden sich Größen wie Agrippa von Nettesheim und Paracelsus.
Und Trithemius selbst? „Ich bin jener Trithemius, den Gelehrte wie Ungelehrte wie ein Orakel des Apoll ansahen!“
Weniger begeistert sind inzwischen seine Mönche, die viele Prominenz bedeutet Arbeit. „Nur das Beste für die Gäste“, und Trithemius ist streng. Auch hat das Bild ihres Abtes einen Riss bekommen. „Märchenerzähler“ titulieren ihn inzwischen seine Mönche; er hatte 1494 in seinem Buch „Zum Lob der heiligen Anna“ behauptet, Anna hätte die Mutter Gottes unbefleckt empfangen. Es ist nicht die einzige „Freiheit“, die er  bei der Ausgestaltung seiner Werke für sich in Anspruch nehmen wird.
Man merkt, Trithemius hat an Bodenhaftung verloren. Ruhm ist bekanntlich Gift, und vom Ruhm hat Trithemius reichlich und auch viel zu früh genossen.
Und er ist eitel, schlicht, weil alle Autoren eitel sind.
Als er 1505 erkrankt, verbrennen die Mönche einen Teil der Bücher seiner geliebten Klosterbibliothek, und in diesen Abschnitt fällt der „Bericht“, die Mönche hätten ihn bei Praktiken der Schwarzen Magie überrascht.   
Man muss Trithemius, den heiligen Kassenprüfer für Glaubensfragen und christliche Lebensgestaltung unter verschärften Bedingungen nicht mögen, es ist aber offen-kundig, die Mönche sind bitter entschlossen, ihn loszuwerden. Sie haben nicht nur begriffen, dass er nicht mehr jener Mensch ist, den sie einst zu ihrem Abt wählten, sondern auch, dass sie nichts als die Bühnenarbeiter seiner glanzvollen Auftritte sind; sie würden es auch belügen, ihn bei magischen Praktiken ertappt zu haben. Unabhängig davon, ob die Anschuldigungen nun zutrafen oder frei erfunden waren, Magie war en vogue, dass Trithemius sich niemals in Schwarzer Magie versuchte, es wäre eher unwahrscheinlich. Im Übrigen, er ist Visitator, zumindest theoretisch hatte er in Schwarzer Magie beschlagen zu sein. Er musste schließlich wissen, was die kleinen Notizen, derer er eventuell ansichtig wird, zu bedeuten haben, wenn er sich in den Zellen der Klöster umsieht.
1506, kaum ein Jahr später, wird er auf Betreiben des Bischofs von Bibra zum Abt des Schottenkloster Sankt Jacob bei Würzburg gewählt; das Schottenkloster, daher der Name, gehörte irischen Benediktinern.
Im nämlichen Jahr berät er den Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg bei der Gründung der Universität in Frankfurt an der Oder. Der Plan des Kurfürsten, den Abt als Leiter der Universität zu gewinnen, schlägt allerdings fehl. Trithemius reist nach Süden, und auf dieser Reise kam es dann zu jenem Beinah-Treffen mit Faust.
1508 verfasst er auf Bitte des Kurfürsten von Brandenburg den „Antipalus maleficiorum“; frei übersetzt: „Der Hexerfeind“, also seinen Hexerhammer. Anders als der Hexenhammer des Institoris (Heinrich Kramer) von 1486, richtet sich sein Werk gegen männliche Schadzauberer, und es übertrifft den „Malleus maleficarum“ des Institoris an Härte.
Abt Trithemius lag damit aktiv auf der Linie der bekannten „Hexenbulle“ von 1484, freilich auch in voller Übereinstimmung mit dem, was das überwältigende Gros seiner Zeitgenossen über die zauberische Macht der Hexen und Hexer dachte.

Wenn neben anderen Autoren der anerkannte „Hexenspezialist“ Wolfgang Behringer in „Hexen und Hexenprozesse in Deutschland“, 5. Auflage, 2001, auf Seite 113 in „Widerstand gegen den inquisitorischen Hexenwahn“ glauben machen will, dass Widerstand geleistet wurde oder auch nur ein aufgeklärter Konsens gegenüber der Hexenbulle existierte, dann ist das falsch. Seine „beweisenden“ Zitate, S. 113 bis S. 129, liefern – so man sie hinterfragt, ein völlig gegenteiliges Bild und bestätigen nur eines: Vom Bettler bis zu Erasmus von Rotterdam, sie alle hielten ein Bündnis mit dunklen Mächten für möglich; das war Zeitgeist.
Die Arbeitsweise des Autors empfinde ich persönlich als überaus befremdend.
Die „beweisenden“ Zitate werden im Essay „Gegendarstellung“ beleuchtet.

1508 gibt Trithemius auch das Buch „De septem secundeis“, Von den sieben Geistern, in Druck; darin berichtet er, sieben Planetengeister regierten in Gottes Auftrag die Welt. Das ist Ketzerei! Das Buch kommt auf den Index. Im nämlichen Jahr fragt ihn Kaiser Maximilian I. nach seiner Meinung über das Unwesen der Hexen.
Trithemius schreibt:
„Was aber diese schaedliche leut / aller weisester Keyser in deinem reich fuer groß vnglueck anrichten / kan kein mensch genugsam außsprechen. Dann sie zuforderst Gott / den Christlichen glauben vnd die Heilige Tauffe verleugnen / sich selbst mit Seel vnnd Leib den Teufeln auffopfern / menschen vnd vih mit jrer Zauberey laehmen und beschedigen / Umbbringen … wie dann Gott der schoepffer aller ding solchs befohlen / da er spricht: Die Zaeuberin soltu nicht Leben lassen.“
Trithemius ist ein geradezu klassisches Beispiel dafür, wie ein intelligenter Mensch – nicht zuletzt auf Grund seiner Eitelkeit – in jener Zeit, in einem Sumpf von Magie, Metaphysik und Aberglauben, den Boden unter den Füßen verliert. Ohne es freilich zu merken, sein „wissenschaftliches Weltbild“ ist schlüssig: Wie die Blätter eines Kartenspiels passen die Felder aneinander und aufeinander. Es entgeht ihm, dass er mit Annahmen, mit Variablen hantiert, und dass er selbst es ist, der die variablen Größen schiebt und drückt, bis sie bündig aneinander und aufeinander liegen.   
Kurz, die Sponheimer Vorwürfe haben Trithemius bestenfalls am Rande tangiert. In diesen Jahren gab wohl keinen Menschen, ob gebildet oder ungebildet, der auf welche Weise auch immer, noch nicht sein Glück mit Geistern und Teufeln probiert hatte.  Noch fehlte bis zu den Jahrzehnten kollektiven Hexenwahns ein halbes Jahrhundert, der Vorwurf, man habe schwarze Magie praktiziert, hatte noch den Stellenwert eines höchst unschönen Kavaliersdelikts.
Was Trithemius wirkliche Schwierigkeiten bereitete, das hatte eine entschieden andere Qualität. Das waren seine Schriften über Magie, in welchen er laufend aus Werken der schwarzen Magie zitierte – „als Argumente zur Warnung“, wie er behauptete. Darüber hinaus hatte er sich laufend in Anspielungen gefallen, sprich, sich wichtig gemacht, dass er im Besitz geheimsten okkulten Wissens wäre. Er berief sich dabei auf einen ominösen Fernando de Cordoba. Den Ruch schwarzer Magie wurde er auch nie mehr los, der Würzburger Weihbischof rief ihm den Grabspruch nach: „Absit suspicio de Daemonis arte Magia“ (Möge er frei sein vom Verdacht dämonischer Magie).
Ohne Zweifel muss Abt Trithemius nach Verlassen des Kloster Sponheim ein verwundeter Mensch gewesen sein, nicht unbedingt deshalb, weil er nach eigenen Angaben in die Beschaffung der Bücher persönlich 1500 Gulden investiert hatte, sondern weil der gewaltige Bestand an Büchern ihm in dieser bücherwütigen Zeit laufend prominente Besucher beschert hatte, also auch Ehren und Schmeicheleien.
Der Verlust der Bücher war eine Zäsur, Abt Trithemius starb 1516 in Verbitterung. 

Im Vorfeld der Entschlüsselung
Quer durch die Faustforschung haben sich alle Autoren mit der Widersprüchlichkeit des Trithemius-Briefs gequält: Von Trithemius als unwissend in allen guten Wissen-schaften bezeichnet, wird Faust dringlichst vom damals angesehensten Astronomen erwartet – so der gleichsam aufaddierte Widerspruch, der schlicht nicht zu lösen war.
Der Brief, in herkömmlicher Weise gelesen und verstanden, verstellte nicht nur den Blick auf Faust, bei den Überlegungen zum Motiv des Verfassers, provozierte er geradezu das Undenkbare für denkbar zu halten.

Könnte es sein, fragte man sich, dass der Abt mit diesem Brief von seinen eigenen Verfehlungen abzulenken, bzw. sich als wachsamen Saubermann zu präsentieren suchte?
Was Trithemius selbst aber offenbar gar nicht vorhatte, er bezeichnet Faust nicht als Nigromant, Schwarzmagier oder Teufelsbündner.
Im übrigen, als Abt und Visitator, abgesehen von seinem Ruhm, er war derart hoch in der damaligen Feudalgesellschaft angesiedelt, er hätte sich lächerlich gemacht, sich von den Vorwürfen der schwarzen Magie rein zu waschen, indem er sich herab-würdigte, einen Wahrsager, einen aus dem fahrenden Volk einzuschwärzen.
Für den heutigen Menschen sind derart absolute gesellschaftliche Schranken nicht mehr nachvollziehbar; Bürger und Minister – der Unterschied scheint unbedeutend.
Zwischen Trithemius und Faust, da lagen Welten. Faust galt nicht als ehrlos, rechtlos, doch sein Status war nicht wesentlich höher als der eines armen Scholaren.
So wenig ein Faust einen Trithemius vor Gericht in Schwierigkeiten bringen konnte, so wenig konnte sich ein Trithemius auf einen kleinen Faust berufen. Im Übrigen, gerade weil Trithemius unter Beschuss stand, er hätte keinen schlimmeren Fehler machen können, als reißerische Lügen über Faust zu verbreiten. Für ein derart durchsichtiges Manöver waren seine Zeitgenossen nicht dumm genug.

Man hielt es für denkbar, dass Trithemius vermutete, Faust hätte sich Zugang zu jenem geheimen Wissen verschafft, das der Abt selbst so gern besessen hätte. Als dann auch noch der angesehene Virdung so dringlich mit Faust sprechen will, muss dem Abt die Galle übergekocht sein; von wildem Neid gepackt, verfasste er einen Brief voll der Lügen und Ehrabschneidungen.
Dergleichen ist freilich nicht auszuschließen, doch was Trithemius vermutete, ist nicht weniger geheim wie das geheime Wissen des Doktor Faustus, auf das sich übrigens in keinem der Quellentexte ein Hinweis findet.
 
Andere fragten sich, ob Trithemius, der Mann mit Karriereknick, dem jungen, doch scheinbar bereits recht erfolgreichen Faust, bei dessen Weg zu Johannes Virdung in der kurfürstlichen Residenz zu Heidelberg einen Knüppel zwischen die Beine werfen wollte.
Gutmöglich war Trithemius eitel, ruhmsüchtig, wichtigtuerisch, und vielleicht war er obendrein auch noch gehässig, doch wohl intelligent genug, um zu wissen, dass er den Mathematiker und angesehenen Astronomen mit einem wilden Ausfall böser Worte gewiss nicht gegen Faust einnehmen konnte. Gemäß dem Brief, saß Faust wenige Tage später Virdung gegenüber und der ließ es sich wohl kaum nehmen, sich selbst ein Urteil über Faust zu bilden. Über den Knick selbst lässt sich streiten. Abt Trithemius genoss zwar nicht mehr das Ansehen der Sponheimer Bibliothek, doch zur selben Zeit als er diesen Brief verfasste, schrieb er an neuen Büchern, auch wurde er nicht wenig hofiert und gefordert.  

„Trithemius hat Bücher gefälscht, er hatte auch keine Mühe diesen Lügenbrief zu verfassen!“ Abgesehen davon, dass man auch denunzieren kann, ohne die Inhalte von Büchern zu fälschen, es ist zu beachten, was Trithemius fälschte. Einige Heiligen- und Wunderlegenden; sie beflügelten den Glauben des Volkes, waren also lässliche, wenn nicht gar wünschenswerte Fälschungen. Sodann die Anfänge der Chronik des Kloster Sponheim von 1024-1509, die Genealogie der ausgestorbenen Grafen von Spanheim sowie die „Hirsauer Annalen“. Aus diesen Fälschungen erwuchsen keine Rechts-streitigkeiten, sie befriedigten seine Eitelkeit als Autor, wenn auch nur vorübergehend. Die meisten Fälschungen werden noch zu seinen Lebzeiten entdeckt, und sie haben ihm – wie zuvor der Verlust der Sponheimer Bibliothek und der Verdacht, dass er sich schwarzmagisch betätige, erneut geschadet. Die „schriftstellerischen Freiheiten“ erbosten weitere alte Freunde; sie sprachen von „Possen“, von „mönchischer Überheblichkeit“. Sein alter Lehrer Conrad Celtis erzürnte sich über die „Hirsauer Annalen“, als „zusammengelogene Geschichte der alten Franken“.
Aus diesen Fälschungen nun auch einen lügnerischen Visitator abzuleiten, trägt nicht, das eine bedeutet nicht zwingend das andere.
Im Generalkapitel der Benediktiner wusste man offenbar ohne Mühe zwischen dem Autor und dem Visitator zu unterscheiden. Geschmunzelt hat man vermutlich auch:
„Er sieht den Splitter im Auge des andern, den Balken im eigenen Auge sieht er nicht!“

Mit Schlagwörtern wie „Neid“ oder „Reinwaschung“ lassen sich die Widersprüche des Schreibens nicht lösen.
Der Ungereimtheiten, bei denen man stutzig wird, sind ganz andere; sie scheinen so unbedeutend, man misst ihnen kaum Bedeutung zu. 
Trithemius, der sonst so sorgfältig auflistet, hat zum einen vergessen zu notieren, dass Faust auch Arzt war, wie uns der Zeitzeuge Begardi in seinem „Index sanitatis“ berichtet. Sodann schimpft Trithemius Faust als in allen guten Wissenschaften unwissend, listet jedoch die Astrologie – in jener Zeit ein reguläres Studienfach einer Universität, als eine jener Wissenschaften auf, in welchen Faust unwissend sei. Faust, es wurde bereits erwähnt, war ein gefragter Astrologe, also keineswegs generell unwissend, ganz abgesehen davon, dass ihn der Astrologe Johannes Virdung dringlich erwartet. Weil er eventuell Fausts astrologischen Rat brauchte?

Die Schlüssel
Abt Trithemius liefert uns einen Quellentext, in dem nicht von „Dr. Faustus“ die Rede ist, stattdessen von „Georg Sabellicus“ und von „Faust dem Jüngeren“. Es handelt sich also um einen Brief, bei dessen Inhalt es sich nicht jedem Neugierigen sofort erschließt, dass es sich bei diesem mysteriösen „Faust dem Jüngeren“ um jenen Georg Faust handelt, der aktuell mit dreisten Reden durch die Landschaften zieht.
Ein Postgeheimnis gab es damals nicht. Wer einen Brief auf den Weg brachte, musste damit rechnen, dass dieser unterwegs gelesen wurde. In der damaligen Zeit wurden Briefe, eben in Erwartung, dass ein Dritter seine Nase hinein steckte, auch besonders „gespickt“.
Prominente wie zum Beispiel Ulrich v. Hutten oder Luther, kalkulierten bei der Formulierung ihrer Briefe nicht nur, dass sie unterwegs gelesen wurden, sie konnten zeitweise sogar sicher sein, dass die Inhalte bereits als Flugschriften im Handel waren, noch bevor die Briefe die Adressaten erreichten.
Und nur ein Gebildeter wusste, dass „Georg Sabellicus“ ein Verweis auf die Sabiner war, auf Menschen in einer lieblichen italischen Berglandschaft, die seit Urzeiten mit Hexen und dem Satan umgingen, und für ihre Kunst der Wahrsagung gerühmt wurden.
Und nur einem belesenen und aufgeschlossenem Menschen erschloss sich, dass es sich bei „Faust der Jüngere“ in Verbindung mit der Bezeichnung „Zweiter der Magie“ um den Zeitgenossen „Faust“ handelte, der sich als Nachfolger eines „Simon Magus Faustus“ betrachtete; Hauptfigur eines spätantiken Abenteuerromans.
Dass der Abt nicht einfach den Namen „Faustus“ aufs Papier setzt, sondern ihn mit mehreren Alias umschreibt, bedeutet allerdings noch nicht, dass in diesem Brief geheime Informationen versteckt sein müssen; dass ein hochangesehener Abt und ein berühmter Astronom sich für einen Wahrsager interessierten, es ging die neugierigen Zeitgenossen schlicht nichts an.

Dem ersten Anschein nach wurde der Brief geschrieben, da Johann Virdung sich nach Faust erkundigte und nun erfahren soll, was Trithemius von Faust hält: „Das ist es, was mir nach dem sichersten Zeugnis von jenem Menschen fest steht, dessen Ankunft du mit so großem Verlangen erwartest.“
Der Brief erfüllt diesen Zweck, und er erfüllt ihn dreifach.
Allein die Wiedergabe der Behauptung Fausts, „er könne alles tun, was Christus getan habe, so oft und wann er wolle.“, hätte bereits ausreichen müssen, Johann Virdung, den Hofastrologen von Heidelberg, zu überzeugen, dass dieser Faust „ein Narr und kein Philosoph ist.“
Trithemius überschüttet Virdung jedoch mit einer Flut von Informationen, geradeso als ob dieser rein gar nichts über Faust wüsste. Dabei ist Virdung durchaus mit dem Thema „Faust“ vertraut. Trithemius schreibt: „Wir erinnern uns auch, dass er uns durch einen Bürger die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er dir gab, überschickte.“ Offensichtlich handelt es sich um ein Schriftstück Fausts, das beiden, Trithemius als auch Virdung, seit längerer Zeit bekannt ist; anders ist „wir erinnern uns auch“ wohl kaum zu verstehen. Es liegt nahe, dass sie sich über das Schreiben, also auch über Faust, bereits unterhalten haben.
Oder bedeutet der Satz sogar, dass Virdung bereits persönlich mit Faust gesprochen hat? Denn die Formulierung „die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er dir gab“, kann auch so verstanden werden, dass Faust und Virdung sich beispielsweise über eine astrologische Ausdeutung unterhielten, und Faust seinen Standpunkt im Nachhinein schriftlich fasste und Virdung zuschickte. 
Ganz gleich, wie man diese Textstelle versteht, Virdung ist bereits im Besitz einer Aufzeichnung aus Fausts Feder; er weiß also schon einiges über Faust. Diese geradezu aufdringliche Flut an Informationen brauchte es nicht mehr.
Die Zeile „Wir erinnern uns …“ in der Mitte des Briefs ist ein Riss, und ein Signal, was allerdings im donnernden Duktus Briefs nahezu völlig untergeht; das Rollenspiel der beiden, angelegt zwischen Ahnungslosigkeit und Empörung, muss mit einem dicken Fragezeichen versehen werden.

Die zuvor aufgezeigten verschiedenen Meinungen über die Motive des Abts bei der Niederschrift, die Widersprüche in der Vita des Abtes selbst, nicht zu vergessen die Leidenschaftlichkeit der Diskussionen innerhalb der Faust-Gemeinde, ließen dann auch übersehen, dass der Brief gegliedert ist, also über eine Struktur verfügt.
Es herrscht Ordnung.
Fausts Titelsammlung und die persönliche Einschätzung des Abts finden sich in der ersten Hälfte des Briefs, die zweite Hälfte gehört den harten Fakten.

Desweiteren wurde nicht bedacht, was die Menge konkreter Informationen für die Einschätzung des Wahrheitsgehalts des Briefs bedeutete, Johannes Virdung, der Empfänger des Briefs, konnte viele der Angaben recht schnell überprüfen: Fausts freche Reden, die Stationen seiner Reisen; wobei er den Vorwurf der Knaben-schändung am schnellsten klären konnte, und zwar über Franz von Sickingen, den Amtmann seines Fürsten.
Und was die „böse“ Beurteilung Fausts angeht, so richtig „böse“ ist sie gar nicht, die Aussagen des Trithemius-Briefs finden sich in den anderen Quellentexten immer wieder in Teilen bestätigt.

In der zweiten Hälfte des Briefs gibt Trithemius unter Angabe von Ort, Zeit und  Zeugen einige vollmundige Aussagen Fausts wieder, desweiteren berichtet er, Faust habe sich zweimal durch Flucht der Obrigkeit entzogen.
Einmal vor ihm, dem Abt, „floh er alsbald aus der Herberge und konnte von niemand überredet werden, sich mir vorzustellen.“
Trithemius will damit sagen, dass Faust auf Grund „vieler von ihm mit großer Frechheit ausgeführter Nichtsnutzigkeiten“ befürchtete, in der Herberge festgehalten und der Policey übergeben zu werden.
In der damals praktizierten Strafverfolgung konnte jedermann und jedefrau, selbst ohne dass sie unmittelbar eine strafbare Handlung begangen hatten, festgenommen werden. Auf Grund der sozialen Schieflage war die Kriminalität hoch, eine überregionale Polizei gab es nicht, also behalf man sich über den Verdacht, dass jemand eine „landschädliche Person“ sei. Der Argwöhnende musste sechs „Eideshelfer“ beibringen, die ebenfalls der Meinung waren, dass es sich um eine „landschädliche Person“ handele, damit war der Betreffende schuldig, er musste nur noch dem Richter überstellt werden. Sodann wurde er verhört, dabei auch gefoltert, um anhand seiner Geständnisse, die freilich überprüft wurden, die rechte Strafe zu bekommen.
Ein anderes Mal floh Faust aus Kreuznach „als die Sache ans Licht kam, der ihm drohenden Strafe.“ Die „drohende Strafe“ ist wohl so zu verstehen, dass das Strafmaß noch nicht festgestellt war, Faust also noch vor Inhaftierung und Anklage entwichen war.
Trithemius gibt damit kund, Faust hat sich durch Flucht selbst das Urteil gesprochen.
In der damaligen Rechtspflege wurde Flucht, selbst wenn der Verdächtigte sich im Nachhinein eines anderen besonnen und sich gestellt hatte, immer als Schuld-eingeständnis betrachtet. Es wurde ihm unterstellt, er hätte Komplizen gewarnt, Beweise vernichtet, Diebesgut weg geschafft, Entlastungszeugen gedungen.
Dass Faust sich offenbar laufend der Gerichtsbarkeit entzog, ist gewiss kein Hinweis, dass er ein argloses Lämmchen war, doch dass er sich rühmte, „dass die Wunder unseres Erlösers Christi nicht anstaunenswert seien; er könne alles tun, was Christus getan habe, so oft und wann er wolle“, das ist Gotteslästerung und – so könnte man aus heutiger Sicht meinen, ein Fall für den Scheiterhaufen.
Abt Trithemius, als Visitator gleichsam vom Fach, fällt das Urteil:
„Ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch, würdig ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage.“
Das Strafmaß ist korrekt, in jener Zeit wurden Angehörige der unteren Volkschichten für derart freche Reden noch mit einer Auspeitschung bestraft.
Ansonsten muss Trithemius aber Galle in die Feder gelaufen sein, denn der „heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren“, selbstredend ohne Erlaubnis, das ist die ursprüngliche Definition für Ketzerei. Trithemius tut Faust eine gewaltige „Ehre“ an, wo es sich doch lediglich um einen „leeren Schwätzer“ handelt. 
Kurzum, Abt Trithemius hat in der zweiten Hälfte des Briefs Vorgänge und Aussagen notiert, die einen gewissen Faustus beunruhigen sollten; der Brief ließe sich auch als Materialsammlung für eine Anklageschrift verwenden. 
Könnte es sein, dass in diesem scheinbar privaten Schreiben die Ermittlungs-ergebnisse des Visitators Johannes Trithemius enthalten sind?
Wollte Trithemius aus dem rollenden Reisewagen heraus, auch mal einen kleinen Faust erlegen?
Diese Annahme greift zu kurz.

Trithemius sammelt bereits seit geraumer Zeit Informationen über Faust.
Er hat Fausts Berufsbezeichnungen, dessen phantastische Titel, gesammelt; es sind ihrer nicht wenige und Trithemius sagt nicht, woher er sie alle kennt.
Er ist über die Ereignisse in Kreuznach informiert, auch über das gute Verhältnis zwischen Faust und Franz von Sickingen; ob er selbst in jener Zeit in Kreuznach weilte, bleibt offen.
Doch auch selbst wo er nicht ist, hat er Augen und Ohren: „Als ich mich später in Speier befand, kam er nach Würzburg.“
Allein die Kirche besaß ein Flächen deckendes Netz, Informationen aufzusaugen, sie zusammenzuführen und auszuwerten. Nicht allein über die Kirchen und Klöster, der Autor Emil. B. König nennt als Zuträger in jener Zeit die Wandermönche des Franzis-kanerordens, diese zählten zum fahrenden Volk.

Die Trennungslinie zwischen den beiden Briefhälften bildet jener Satz: “Wir erinnern uns auch, dass er uns durch einen Bürger die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er dir gab, überschickte.“
Man kann Abt Trithemius nicht vorwerfen, dass er sich nicht zu artikulieren wüsste, im Gegenteil. Trithemius formuliert geradlinig und entschlossen, geradeso wie in seinem Brief aus Brabant.
Doch dieser Satz ist derart beinern korrektdeutsch, man muss ihn dreimal lesen und weiß gleichsam noch immer nicht, um was es geht. Der Satz ist ein bewusst platzierter Fremdkörper. Trithemius, der erfahrene Schreiber und Autor, hebt damit die Bedeutung des Satzes hervor. 
Will er seinem Brieffreund zu verstehen geben, er solle sich ein gewisses Schriftstück ganz besonders vergegenwärtigen? Offenkundig geht es um ein Schriftstück aus Fausts Feder. Das ist nicht die einzige Frage, die sich hier stellt.
Warum wechselt Trithemius vom durchgehenden freundschaftlichen „Du“ des Briefs in diesem Satz zum „Wir“?
Sodann schreibt Trithemius von „Uns“! Wer ist „Uns“? Arbeiten sie etwa zusammen? Wie nahe stehen sich Trithemius und Virdung? Sind sie Freunde? Welche Interessen verbinden sie? Die Kirche ist kein Freund der Astrologie; dass viele Geistliche sich dennoch mit Astrologie befassten, ist einer der Widersprüche jener Zeit. 
Was heißt zudem: „uns…überschickte.“ War „die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit“ denn sowohl an Virdung wie auch an Trithemius gerichtet? Doch warum flüchtete Faust dann aus der Herberge vor dem Freund des Virdung, anstatt den freundlichen Abt nun endlich persönlich kennen zu lernen?
Was oder wer verbirgt sich außerdem hinter diesem Briefboten, diesem Anonymus, diesem „Bürger“?
Warum formulierte Trithemius nicht kurz und bündig: „Du erinnerst dich an die Auf-zeichnung seiner Torheit, die Faust uns überbringen ließ.“
Warum erwähnt er diesen Boten? Ein Brief hat schließlich immer einen Überbringer.
Oder soll das gar bedeuten, dass mehrere Briefe in Sachen Faust bereits Virdung erreichten, dieser sich jedoch jenen einen Brief vergegenwärtige, der ihn nicht über die übliche „Kurierpost“ erreichte, sondern durch einen reisenden Bürger überbracht wurde?
Der Satz ist jedenfalls rätselhaft; sein Geheimnis zu lüften wird schwierig sein. Denn der Satz ist relativ kurz, dazu steht er scheinbar solitär. So sich überhaupt ein Bezug  zu anderen Textstellen des Briefs herstellen lässt, dann der Umstand, dass mit diesem Satz, in welchem es um einen konkreten Brief geht, die Aufzählung jener Ereignisse beginnt, die gleichfalls konkret geschildert werden.
Denn Trithemius erwähnt zweimal „Gelnhausen“. Zunächst schreibt er: „in der Nähe der Stadt … woselbst man mir viele von ihm mit großer Frechheit ausgeführte Nichtsnutzigkeiten erzählte.“
Der Abt berichtet noch nicht konkret, er schreibt von „Nichtsnutzigkeiten“.
Sodann erfolgt der Einschub „Wir erinnern uns auch, dass er uns durch einen Bürger die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er dir gab, überschickte.“
Und nun wird Trithemius konkret: „In jener Stadt erzählten mir Geistliche …“
Doch eben aus diesem Kontext heraus, in welchen jene „Aufzeichnung seiner Torheit“ eingebettet liegt, ist möglicher Weise zumindest die eine Schlussfolgerung gestattet: Zwischen dem, was jene Geistlichen in Gelnhausen ihm erzählten und dem, was in der „schriftlichen Aufzeichnung seiner Torheit“ zu lesen stand, war es in etwa um das gleiche Thema gegangen; der Inhalt der „Aufzeichnung“ hatte sich durch die Geist-lichen bestätigt gefunden. „Sie berichteten, Faust hatte behauptet, dass er ein so großes Wissen und Gedächtnis aller Weisheit erreicht habe, dass, wenn alle Werke von Plato und Aristoteles samt all` ihrer Philosophie durchaus aus der Menschen Gedächtnis verloren gegangen wären, er sie wie ein zweiter Hebräer Esra durch sein Genie sämtlich und vorzüglicher als vorher wieder herstellen wolle.“


Die Entschlüsselung

Es bleibt die erste Hälfte des Schreibens zu betrachten, wobei die bis jetzt gewonnen Erkenntnisse sich sehr wohl sehen lassen können.
Beide, der Schreiber als auch der Empfänger waren im Vorfeld des Briefs weit besser über Faust informiert als es der Brief beim ersten Lesen verrät. Abt Trithemius hat sodann eine Reihe von Hebeln in Gang gesetzt, um über Faust genaueres zu erfahren.
Der Zeitraum, den Abt Trithemius in seinem Bericht über Faust abgreift, erstreckt sich über etwa 15 Monate; er beginnt mit dem Beinah-Treffen in Gelnhausen, es muss sich gemäß anderen Briefen des Abtes in den letzten Tagen des Mai 1506 ereignet haben, und endet am 20. August 1507 mit der Niederschrift des vorliegenden Briefs.
Die gewonnenen justizrelevanten Erkenntnisse hat der Abt  in der zweiten Hälfte des Schreibens festgehalten. Als Strafe schlägt er eine Auspeitschung vor.
Da Abt Trithemius nur negativ über Faust berichtet, ist der Schluss erlaubt, dass er Faust nicht wohl gesonnen war. Was im Umkehrschluss freilich nicht unbedingt besagt, dass es über Faust auch Gutes zu berichten gegeben hätte.
Der Brief selbst präsentiert sich inhaltlich in verschiedenen Blöcken, er wurde also nach einem Ordnungsprinzip verfasst, was bedeutet, dass der Schreiber eine Reihe von Überlegungen zur Niederschrift anstellte, was wiederum die Wichtigkeit des Inhalts unterstreicht.  
Diese Ergebnisse sind wichtig, sie liefern gleichsam die Grundmelodie des Briefs; sie zu kennen ist die Voraussetzung für die Entschlüsselung der ersten Briefhälfte.


Zunächst jedoch das Faksimile jenes Briefes auf den nächsten zwei Seiten:


Brief des Abtes Trithemius an Johann Virdung vom 20. August 1507 (Rom, Vatikanische Bibliothek)
Aus „Faust – Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens“, Günther Mahal, rororo.

So die Betrachtung des Schriftbilds bei Leserinnen und Lesern zur Feststellung führte, dass der Abt ein Mensch mit Ordnungssinn, ein Methodiker gewesen sein muss, ich widerspreche nicht. Das Gleichmaß der Ober- und Unterlängen der Buchstaben, verlässlich in stets gleichem Winkel nach Rechts geneigt, ergeben ein makellos gestochenes Schriftbild, das rein gar nichts mit dem Gekrakel aus Streichungen, Änderungen und ergänzenden Randnotizen in seinerzeitigen Briefen, wie sie beispiels-weise zwischen Melanchthon und Camerarius hin- und hergingen, gemein hat.
Die bereits angesprochene inhaltliche Ordnung, sie findet sich also auch im Schriftbild. Ein derart akkurat angefertigtes Schreiben entsteht nicht aus dem Handgelenk, es muss dazu Entwürfe gegeben haben; Abt Trithemius hat in dieser Angelegenheit nichts dem Zufall überlassen. Man darf annehmen, dass sein Ordnungsdenken selbst noch den scheinbar unbedeutendsten Winkel des Briefs im Blick hatte, jedes einzelne Wort steht dort, wo es zu stehen hat. 
Und mit diesem Grundgedanken, dass es in diesem Schreiben keine Zufälligkeiten gibt, aber ein System, gehe ich an die Betrachtung der ersten Hälfte des Briefs.   

„Jener Mensch, über welchen du mir schreibst, Georg Sabellicus, welcher sich den Fürst der Nekromanten zu nennen wagte, ist ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch, würdig ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage. Denn was sind die Titel, welche er sich anmaßt, anders als Anzeichen des dümmsten und unsinnigsten Geistes, welcher zeigt, dass er ein Narr und kein Philosoph ist? So machte er sich folgenden ihm konvenierenden Titel zurecht: Magister Georg Sabellicus, Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magie, Chiromant, Aeromant, Pyromant, Zweiter in der Hydromantie. Siehe die törichte Verwegenheit des Menschen; welcher Wahnsinn gehört dazu, sich die Quelle der Nekromantie zu nennen! Wer in Wahrheit in allen guten Wissenschaften unwissend ist, hätte sich lieber einen Narren denn einen Magister nennen sollen. Aber mir ist seine Nichtswürdigkeit nicht unbekannt. Als ich im vorigen Jahre aus der Mark Brandenburg zurückkehrte, traf ich diesen Menschen in der Nähe der Stadt Gelnhausen an … „

Trithemius nennt in der ersten Hälfte des Schreibens Fausts Berufsbezeichnungen; in ihrer Summe weisen sie Faust als einen Wahrsager aus, der sich bei der Ausübung seiner Tätigkeit völlig verschiedener Medien zu bedienen verstand.
Die Berufsbezeichnungen werden allerdings sehr verschieden präsentiert.
Es gibt Titel, die für sich alleine stehen, so: „Astrolog, Chiromant, Aeromant,  Pyromant“
Wo Faust als „Astrolog“ also die Sterne für den Blick in die Zukunft brauchte, las er als „Chiromant“ in den Handlinien seines Kunden, während er als „Aeromant“ Wolkenbilder studierte und als „Pyromant“ den Blick ins Spiel der Flammen senkte.
Sodann gibt es Titel, die mit einem Attribut veredelt sind; zunächst „Faust der Jüngere“ und „Zweiter der Magie“. Mit beiden stellt sich Faust, wie bereits erwähnt, in die Nachfolge eines Magiers namens Simon Magus Faustus; eine Romanfigur, die im Mittelalter sehr populär war. Mit „Zweiter in der Hydromantie“ beansprucht dann Faust die Nachfolge des Phytagoras für sich; Phytagoras galt im Mittelalter als der trefflichste von allen, die je die „Wasserkunst“ beherrscht hatten, also das Lesen der Zukunft aus Strudeln und Wellen. Und mit „Magister Georg Sabellicus“ behauptet Faust zum einen, dass er an einer Universität den Magistergrad erworben habe, zum anderen, dass er mit den seherischen Fähigkeiten der Sabiner begabt sei.
Alle diese Titel, bzw. Künste, nennt der Abt nur ein einziges Mal und er backt sie zu einem Block:
„Magister Georg Sabellicus, Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magie, Chiromant, Aeromant, Pyromant, Zweiter in der Hydromantie.“

Die Aufmerksamkeit richte sich auf die Bezeichnung „Nekromant“; sie findet sich nicht allein im Titelblock, sie wird darüber hinaus noch zwei Mal im Schreiben, genannt und dabei stets mit einem Attribut:
„Fürst der Nekromanten“, „Quellbrunn der Nekromanten“ und „Quelle der Nekromantie“

Ein Nekromant ist ein Wahrsager, der aus Knochen die Zukunft liest, bzw. Verstorbene heraufbeschwört, um sie über Vergangenheit und Zukunft zu befragen, aber auch um sich nach ihrem Befinden im Jenseits zu erkundigen.
Nekromantie ist die Bezeichnung für die so beschriebene Tätigkeit des Nekromanten.
Nekros, altgr. : Toter / Mantis, altgr. : Weissager.

Zwar sind die schriftlichen Hinterlassenschaften des Mittelalters an Büchern, Notizen und Briefen zu dünn, um auch nur irgendwelche Aussagen darüber zu machen, wie angesehen die Nekromantie im Vergleich zu anderen Mantiken war, und wie sich die Wertschätzung der Mantiken untereinander im Lauf der Jahrhunderte verschob, doch eines darf angenommen werden: Mit der Selbstauskunft auch die Nekromantie zu beherrschen meinte Faust das „Lesen von Knochen“, denn der Aufwand für eine Totenbeschwörung, wie er in der Antike gepflegt wurde, war sehr hoch, und für das ausgehende Mittelalter zu hoch.    
Der Seher unterzog sich Ritualen, um sich seelisch zu reinigen, um sich auf den Akt einzustimmen. Sodann wurde mit dem Schwert ein Grab ausgehoben. Unter schrillen Gesängen wurden wertvolle Öle und auch Milch in die Grube gegossen, weißes Mehl wurde hinein gegeben, dazu wurden aromatische Kräuter verbrannt. Schließlich brauchte es mehrere Schafe, und wenn diesen der Hals über der Grube durchschnitten wurde und nacheinander die Fackeln erloschen – nahten die Schatten der Toten.
Das ausgehende Mittelalter, obgleich gut eingesponnen in den Glauben an Geister und zauberische Mächte, hatte es in Sachen der Zukunftsschau bereits gern weniger umständlich; man hielt sich an die Sprache der Gestirne, das Lesen in Handlinien, man studierte die Ausprägungen von Knochen, insbesondere des Schulterblatts des Schafs und des Brustbeins der Gans.
Auf welches Mittel Faust dann bei seinem Blick in die Zukunft zugriff, hing wohl davon ab, mit welcher Sorte Mensch er es geradezu tun hatte; von dessen Bildung, dessen gesellschaftlichem Status, auch wird es regionale Vorlieben gegeben haben.
Und nicht wenige Kunden werden das Mittel der Zukunftsschau selbst bestimmt haben.
Man darf sagen, die verschiedenen Mittel der Zukunftsschau, die zu beherrschen Faust sich rühmte, sie stehen wohl gleichberechtigt nebeneinander.

Warum der Abt dann in seinem Schreiben die Nekromantie durch dreimalige Erwähnung derart hervorhebt, die Gründe dafür, sind – zumindest im Augenblick, nicht auszumachen. 
Nicht minder merkwürdig sind die Erweiterungen, welche Faust diesem Titel angedeihen lässt.
Titulierte er sich soeben noch sehr würdig und erhaben mit „Faust der Jüngere“, „Zweiter der Magie“, „Zweiter in der Hydromantie“, erhebt er sich nun zum „Fürst der Nekromanten“, was eher weltlich klingt.
Warum tituliert er sich nicht als „Nekromant der Nekromanten“ oder stellt sich als „Zweiter in der Nekromantie“ nicht in die Nachfolge der biblischen Hexe von Endor, die im Auftrag König Sauls den Geist des Samuel herauf beschwor?   
Fragen stellen sich auch bei den blumig-romantischen Bezeichnungen „Quelle der Nekromantie“ und „Quellbrunn der Nekromanten“. Will Faust sich damit als Lehrer oder etwa als Inspirateur der Totenbeschwörer und Knochenleser präsentieren? Oder will er damit gar behaupten, dass er gleichsam Summe und Inkarnation aller lebenden und verstorbenen Nekromanten darstellt?
Kurzum, die Bezeichnung „Nekromant“, in ihrer gültigen Bedeutung verstanden, ergibt im Zusammenhang mit den genannten Erweiterungen inhaltlich wenig Sinn.
Vollends unverständlich sind die heftigen Reaktionen, welche diese Titel bei Abt Trithemius hervorrufen.
Da nennt sich Faust einen „Fürst der Nekromanten“ und der Abt spricht ihm das nicht nur glatt ab, er empfiehlt sofort die Peitsche.
„ … welcher sich den Fürst der Nekromanten zu nennen wagte, ist ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch, würdig ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage.“
Das Wörtchen „wagte“ besagt klar, Faust hatte mit der Selbstauskunft ein „Fürst der Nekromanten“ zu sein, nach den Sternen gegriffen. Dazu muss er offenbar der Kirche feindliche Äußerungen gemacht haben, jedenfalls trifft ihn der klirrende Zorn des Abtes. Es wird dabei jedoch nicht recht klar, ob der Abt eine Auspeitschung vorschlägt, weil Faust sich unberechtigter Weise als „Fürst der Nekromanten“ bezeichnete, oder deshalb, damit Faust „nicht mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage“. Doch eventuell hängt das eine mit dem anderem zusammen? Vielleicht hatte Faust geprahlt, dass er als „Fürst der Nekromanten“ selbst den Geist Johannes des Täufers rufen werde, um ihn über die Zukunft zu befragen.
Die Empörung des Abtes wiederholt sich einige Zeilen weiter:„Siehe die törichte Verwegenheit des Menschen; welcher Wahnsinn gehört dazu, sich die Quelle der Nekromantie zu nennen!“
Es brauchte also nicht unbedingt kirchenfeindliche Reden, allein sich als Nekromant oder als Quellbrunn der Nikromantie zu titulieren, reichte bereits aus, dass ihm der Abt eine dreiste Verwegenheit der törichten Art bescheinigt; auf gut deutsch: dass er wohl geisteskrank sein müsse, um dergleichen für sich in Anspruch zu nehmen.
Was hat es mit der „Nekromantie“ auf sich, dass der Abt derart entschieden reagiert? Nicht allein, dass er es für ausgeschlossen hält, dass Faust damit etwas zu tun habe, da er nur ein „leerer Schwätzer“ sei, sondern dass er Faust auch für verrückt hält, mit dieser Kunst öffentlich zu prahlen.
Könnte es sein, dass Nekromantie als ein Verbrechen betrachtet wurde, das mit besonders harten Strafen  geahndet wurde?
Theoretisch – ja, praktisch – nein!
Nicht allein die Nekromantie, sondern das gesamte Feld von Weissagungspraktiken wurde einmal als Sünde betrachtet, sodann auch als schwere Straftat.
In der katechetischen Literatur um 1450 wird Zauber wie folgt definiert: Glaube an „warsager… not wurckende planeten… den krancken zawberliche lieder singen… stern sehen… dj poßen gaist anruffen… die auf dem sail gen.“
Und im „Richterlich Klagspiegel“ von 1450 heißt es, dass jene, die böses Wetter und Hagel abwehren, nicht gestraft werden sollen. Der Todesstrafe jedoch würdig sei: das Töten von Menschen durch Gift oder Zauberei, das Divinieren, also das Weissagen, sodann das Verbiegen des Gemüts, um Liebe und Begierde zu erzeugen.
Doch selbst wenn der „Richterlich Klagspiegel“ dafür die Todesstrafe als angemessen betrachtete, so musste deshalb kein Weissager um sein Leben bangen, noch konnte selbst ein Abt Trithemius einem wilden jungen Mann namens Faust deshalb größere Schwierigkeiten bereiten. 
Mit Entstehung der ersten Gesetzbücher in Deutschland wie dem Schwabenspiegel oder dem Sachsenspiegel um 1235, gab es Paragraphen, mit welchen die Delikte der Hexen und Zauberer erfasst waren. Die Liste der Handlungen, die fortan zu den verbotenen zauberischen Praktiken zählten oder schlimmer noch, als Hexerei betrachtet wurden, sie wurde auch von Generation zu Generation immer umfangreicher und die Strafen dafür wurden stetig verschärft, doch Anwendung fanden diese Paragraphen kaum.
Die mittelalterliche Welt war nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine Welt der Hexenkünste und des Zauberischen, und zwar in einem erstaunlich unbeschwertem konfliktfreien Neben- und Miteinander wie eine Überlieferung aus Sassa in Süditalien zeigt: Um Regen herbeizuzaubern warfen die Einwohner ein Kruzifix ins Meer, während ein Esel, mit einer Hostie im Maul, von Priestern vor der Kirche lebendig begraben wurde, woraufhin ein schweres Gewitter niederging.
Aus „Das Buch der verbotenen Künste“, im Anhang; siehe unter „Kruzifix“.
Was Deutschland zu jener Zeit anging, so berichtet Johannes Hartlieb in seinem Werk „Das Buch der verbotenen Künste“, von 1456, dass selbst Geistliche beispielsweise im Glanz des polierten Hostientellers, also ähnlich dem glänzenden Wasser in der Hydromantie, die Zukunft zu lesen suchten, was „gewiss eine schwere Sünde sei“. Er schreibt weiter, dass bei mehreren Kandidaten für eine Pfarre das „Los gedeutet werde“, was dagegen statthaft sei.
Und was den Adel betraf, so bediente er sich nicht anders als wie der gemeine Mann der Dienste von Hexen und Zauberern, und, wie Johannes Hartlieb berichtet, übte er auch selbst unzählige zauberische Praktiken.
Gewohnheiten, die sich erst änderten, als die gehobenen Gesellschaftsschichten ab etwa 1460 die Astrologie als Mittel der Zukunftsschau für sich zu entdeckten. Und die Astrologie – im Verbund mit der Astronomie, kam gewandet im Talar, sie wurde folglich nicht als sündige Wahrsagerei, sondern als Wissenschaft betrachtet.
Im Volk selbst frönte man weiterhin den Zukunftsschauen alter Art, Faust – fünfzig Jahre später, führte sie denn auch in seinem Angebot. Pyromantie, Hydromantie, Aeromantie, Chiromantie, Nigromantie, Kristallseherei – alles was Abt Trithemius auflistet findet sich in vielen Kapiteln bei Johannes Hartlieb. Einige Mittel der Zukunftsschau waren dagegen offenbar nicht mehr en Vogue, die Spatulamantia – die Schau aus einem Schulterblatt eines Schafs oder dem Brustbein der Gans sowie die Geomantie, Künste, die Johannes Hartlieb noch in vielen Kapiteln betrachtete, Abt Trithemius erwähnt sie jedenfalls nicht in seinem Brief.
Dass auch lange nach 1450 jene Gesetze gegen den Schwindel mit der Zukunftsschau kaum Anwendung fanden, hatte seine Ursache bei den weltlichen und kirchlichen Landesfürsten. Durch ihr Streben nach immer mehr Steuern und Rechten hatten sie eine explosive Stimmung in der Bevölkerung erzeugt; eine Situation, in der ein breites Vorgehen gegen die „Ansprechpartner“ des Volkes, also Hexen, Wahrsager, Heiler und ähnliche „Berufe“ als wenig ratsam erscheinen ließ.
Ein nicht geringer Teil unter den Freischaffenden im Fahrenden Volk hatte sich mit seinem Broterwerb also in einer weiträumig geduldeten Illegalität eingerichtet. Erst nach dem Bauernaufstand von 1525 wird die praktische Anwendung jener Gesetze in Gang kommen, und mit dem Religionsfrieden von 1555 wird es dann endgültig vorbei sein mit dem Leben nach der Nase im Wind und den Versprechen auf die Zukunft.

Der Zorn des Abtes auf Faust und dessen behauptete Superlative in den Kenntnissen der Nekromantie bleibt also weiterhin so wenig nachvollziehbar wie sich für die Erweiterungen mit „Fürst“, „Quellbrunn“ und „Quelle“ inhaltlich ein Sinn erschließt 
Fragen, Rätsel, die sich aber geradezu in Luft auflösen wollen, wenn man sich das Faksimile des Schreibens vornimmt.
Einige der Leserinnen und Lesern werden es bereits bemerkt haben, die erste Zeile ist derart weit eingerückt, man kann von einer „verschobenen Zeile“ sprechen.
Da der Abt ein Mensch mit Methode ist, kann man davon auszugehen, dass er damit dem Empfänger einen Hinweis auf die Lesart des Briefs gibt.
Was freilich im Umkehrschluss bedeutet, Schreiber und Empfänger vereinbarten im Vorfeld des Briefs dieses stille Signal, gutmöglich auch mehrere Signale.  
Durch die extreme Verschiebung endet die erste Zeile mit dem Wort „de“, während das letzte Wort der zweiten Zeile, über dem es damit zu stehen kommt, „principe“ lautet, zusammengezogen ergibt sich „de principe“, was „vom Fürsten“ oder auch „über den Fürsten“ heißt.
Eine Art „Betreff“, dessen Inhalt allerdings nicht mehr überrascht, dass es dem Abt bei Faust zuvorderst um den „Fürst der Nekromanten“ zu tun ist, wir wissen es bereits.
Die Verschiebung, mit „de principe“ als Resultat, ist möglicher Weise dazu eine Arbeitsanweisung, mit Blick auf die „Nekromanten“, im Text weitere Verschiebungen vorzunehmen.
Eine Anweisung, die ebenfalls nicht mehr überrascht, jene Textstellen, die den  „Nekromant“ betreffen, zu isolieren und sie eigens zu betrachten, es hätte sich ohnehin als nächsten Schritt angeboten.
Wie man dieses Isolieren auch immer umsetzt, ich jedenfalls gestattete mir Leerzeilen und – damit das Resultat auch optisch etwas hermacht, einige Zentrierungen.

„Jener Mensch, über welchen du mir schreibst, Georg Sabellicus,

welcher sich den Fürst der Nekromanten zu nennen wagte,

ist ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch, würdig ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage. Denn was sind die Titel, welche er sich anmaßt, anders als Anzeichen des dümmsten und unsinnigsten Geistes, welcher zeigt, dass er ein Narr und kein Philosoph ist?
 
So machte er sich folgende ihm konvenierende Titel zurecht: Magister Georg Sabellicus, Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magie, Chiromant, Aeromant, Pyromant, Zweiter in der Hydromantie.

– Siehe die törichte Verwegenheit des Menschen; welcher Wahnsinn gehört dazu,

sich die Quelle der Nekromantie zu nennen!

Wer in Wahrheit in allen guten Wissenschaften unwissend ist, hätte sich lieber einen Narren denn einen Magister nennen sollen.“

Um es vorweg zu sagen, das Rätsel um den „Nekromant“ löst sich mit diesem Arbeits-schritt zwar noch immer nicht, überaus deutlich wird hingegen die große Könnerschaft des Abtes, freilich auch die Sorgfalt mit der er den Brief aufbereitete.
Die Gliederung ist derart klar, man darf sie als ästhetisch gelungen bezeichnen.
Bemerkenswert auch das sprachliche Geschick.
Zentral gesetzt steht der Titelblock „Magister Georg Sabellicus, Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magie, Chiromant, Aeromant, Pyromant, Zweiter in der Hydromantie.“
Und durch sinngleiche Aussagen weiß ihn der Abt einzurahmen. Die Formulierung „des dümmsten und unsinnigsten Geistes, welcher zeigt, dass er ein Narr und kein Philosoph ist“, besagt wenig anderes als die nachfolgende Formulierung „Wer in allen guten Wissenschaften unwissend ist, hätte sich lieber einen Narren denn einen Magister nennen sollen.“

Und es ist ein zweifacher Rahmen: Der Abt empört sich, dass „Georg Sabellicus, sich den Fürst der Nekromanten zu nennen wagte“, und bestätigt mit „welcher Wahnsinn gehört dazu, sich die Quelle der Nekromantie zu nennen!“.

Die kunstvolle Umrahmung zeigt an, innerhalb des Rahmens geht es allein um Faust, den „Nekromanten“, bzw. um Faust, der eher ein „Narr“, aber gewiss kein „Nekromant“ sei.
Leserinnen und Leser mögen noch einmal das „gelüftete Briefbild“ betrachten, das  Wort „Nekromant“ bildet jene Achse, um die sich die gesamte erste Briefhälfte schlingt.
Eine erneute Bestätigung dafür, wie wichtig der Begriff in diesem Schreiben ist, aller-dings auch dafür, welche Kunstfertigkeit der Abt darauf verwendete, um das Anliegen des Briefs vor der Welt zu verbergen.

Wie soll man hier noch zweifeln, dass Abt Trithemius und Johannes Virdung sich im Vorfeld des Briefs ausgiebig über Faust unterhielten? – Sie haben ein Deckwort vereinbart; anders kann man es kaum bezeichnen. Denn es ist ganz offenbar, der Begriff „Nekromant“ ist die Etikettierung einer Hülse.
Welchen Namen hat die Verrücktheit mit der Faust sich gebrüstet hatte? Was kann derart ungewöhnlich, auch skandalös sein, dass der Abt es nicht beim Namen nennt?
Wo er doch sonst so offen ist; er berichtet, dass Faust sich laufend der Justiz entzieht, dass er „der Kirche feindliche Dinge lehrt“. Auch die Knabenschändung zu notieren hatte er keine Hemmungen und die Gotteslästerung gibt er sogar wörtlich wieder. Außerdem würde er Fausts Sündenregister bereichern. Warum schreibt der Abt es dann nicht hin?
Vermutlich deshalb, weil es dabei um weit mehr geht als um Großmaultum und Gottes-lästerungen in überschäumender Lust oder auch aus schlechter Laune heraus.

Was ist an diesem Faust, dass ein Visitator Daten sammelt und sie derart sorgsam verpackt? Warum schnappt man sich diesen Frechling nicht und prügelt ihn durch? Man ist doch sonst nicht zimperlich. Stattdessen lässt man ihm Leine und kontaktiert ihn aus.
Es hat den Anschein, ein merkwürdiges „Uns“ interessierte sich für Faust. Dass ein Hofastrologe mit von der Partie ist, und ein Visitator neben seiner Aufgabe in den Klöstern der Benediktiner nach dem Rechten zu sehen, auch noch einem „Uns“ Kärrnerdienste leistet, beides ist nichts Ungewöhnliches.
Was ist an diesem Faust, dass man ein Netz von Spitzeln über ihn wirft?
Sowohl aus den neun Quellentexten als auch aus den Indizien erschließt sich keine Antwort. Faust hat nichts getan, was andere nicht auch getan haben, mit einer Ausnahme: im Kampf um die Gunst des Publikums war er knalliger und frecher als seine Mitkonkurrenten; seine gewagt-frechen Reden, seine prunkende Kette von Titeln – ihr Gepränge, ihr Geklingel, sie lassen keinen Zweifel.
Es geht wohl um eine Straftat, um etwas Strafwürdiges, soviel sollte man mit Blick auf die zweite Briefhälfte annehmen dürfen, und in Anbetracht des Aufwands, den Abt Trithemius in der Sache treibt, muss das Verbrechen, dessen man Faust für verdächtig hielt, das Feld üblicher Straftaten weit hinter sich gelassen haben, gutmöglich auch eine ganz eigene Dimension besitzen.   
Eine Antwort liefern die Zustände jener Zeit. Verschwörungen, Unruhen waren an der Tagesordnung, selbst Prozessionen endeten gelegentlich in Aufruhr. Dazu gab es, man darf es wohl so nennen, den „Berufsstand der Rebellen“. Ein Fritz Joß organisierte 1502 den Aufstand von Speyer, 1513 den Aufstand von Lehen bei Freiburg, 1517 den Aufstand im Elsass. Woher das Geld kam, mit dem er auch immer wieder Söldner anwarb, ist ungeklärt. Gutmöglich kam das Geld aus französischer Kasse, der Aufruhr in Deutschland war in seinem Ausmaß zu einer Art zweitem Schlachtfeld geworden. Zu dieser Zeit lag Kaiser Maximilian I. mit dem französischen König im Krieg, unter Maximilians Enkel und Nachfolger Karl V. sollten die Kriege weitergehen. 
18% der Menschen in Deutschland lebten in Städten, 50% lebten in den Dörfern. Die übrigen Menschen lebten mit Kind und Kegel in steten Wechsel zwischen vorübergehender Sesshaftigkeit und erneuter Wanderschaft: Saisonarbeiter, Pilger, Wanderarbeiter, Söldner, Bettler. In diesem Gewimmel der Heimatlosen bewegten sich die Aufrührer wie Fische im Wasser.

Rechnete man damit, dass Faust zum Kristallisationskern einer Revolte werden könnte oder gar selbst eine Revolte lostreten wollte? Oder hatte Faust nur irgendwann den Mund zu voll genommen und Sätze von sich gegeben wie: „Wenn hier einer rebelliert, dann ich! Ich bin der König der Aufrührer!“
Könnte der Trithemius-Brief ein Entwarnungsschreiben sein? „Jener Mensch, über welchen du mir schreibst, Georg Sabellicus, welcher sich den Fürst der Nekromanten zu nennen wagte, ist ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch …“
Im Klartext: Was wir bis dato für möglich hielten, trifft nicht zu … er führt nur dreiste Reden, doch da er damit das Ansehen der Heiligen Kirche schädigt, sollte man ihn auspeitschen …
Der Gedanke, dass „Nekromantie“ für „Aufruhr“ steht, scheint zutreffend, der Unmut in der Bevölkerung äußerte sich im Vorfeld des Bauernkriegs auch in kirchenfeindlichen Reden.

Stellt man in Rechnung, dass Trithemius ein Werk über Steganographie verfasste, dann erklärt sich nicht nur der „Fürst der Nekromanten“, es gerät der Titelblock als ganzes ins Visier.
Steganographie setzt Absprachen zwischen Briefpartnern voraus, die vorgeben, harmlosen Briefkontakt zu pflegen. Um nicht gefälschten Briefen aufzusitzen, verein-baren sie unauffällige Markierungen des Briefpapiers: Wasserzeichen, Nadeleinstiche, die Art, das Papier zu falten, die Abmessungen des Papiers.
Sodann werden Absprachen getroffen, auf welche Weise wichtige Hinweise für die Lesart in einem offenen Text unauffällig zu markieren sind: „Signalwörter“, bestimmte Formulierungen, Veränderungen des Wortflusses und des Satzbaues.
Und man legt Codewörter fest.
Die zweite Hälfte des Trithemius-Briefs gehört den harten Fakten, sie sind für die verdeckte Übermittlung wenig geeignet. Die erste Hälfte des Schreibens enthält persönliche Einschätzungen, hier sind die geheimen Ermittlungsergebnisse eingebaut.

Wenden wir uns dem Block „angemaßter Titel“ zu.

„Magister Georg Sabellicus Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magie, Chiromant, Aeromant, Pyromant, Zweiter in der Hydromantie.“

Dass sich auch hier Codewörter verbergen, lässt der Begriff „Quellbrunn der Nekromanten“ vermuten. Der „Nekromant“ wurde nicht nur im Vorspann und im Nachspann, sondern gleichsam als Ausrufezeichen auch im Titelblock abgelegt; ein Hinweis, dass sich hier weitere Informationen in Sachen „Nekromant“ finden.
Und diese Verwendung als Codewörter erklärte auch, wieso Abt Trithemius Faust in allen guten Wissenschaften als unwissend bezeichnet, obgleich Faust ein offenbar  gefragter Astrologe war. Trithemius, der sich mit der Astrologie sehr kritisch ausein-andersetzte und Faust seit Monaten beäugt, weiß das selbstverständlich, doch darum geht es ihm in diesem Moment nicht, denn auch der „Astrolog“ ist ein Codewort.

Betrachtet man den Block dieser Titel, so stehen einige Titel für sich, andere sind erweitert.
Die erweiterten Titel geben nicht viel her, sie sind wohl die „Umverpackung“.
Interessant sind die isoliert stehenden Titel: Astrolog, Chiromant, Aeromant, Pyromant.
Unter der Annahme, dass es hier um das Thema „Aufstand“ geht, bieten sich folgende Entschlüsselungen an:
Fürst der Nekromanten / Rädelsführer
Nekromant /  Aufrührer
Astrolog / Späher, Spion
Chiromant / Bote, Nachrichtgeber
Aeromant / Aufhetzer, Aufsässiger, Spötter
Pyromant / örtlicher Anführer, Brandstifter

Bei Pyromant ist es interessant zu wissen, dass im Vorfeld der jeweiligen Aufstände -   als vorauseilender Indikator, verstärkt Brandstiftungen verübt wurden.

Fausts Tätigkeit als Arzt wurde von Trithemius unterschlagen, „Arzt“ gehörte eventuell nicht zu den Codewörtern.
Mit der Entschlüsselung sollte sich nun auch endgültig die Frage nach dem Wahrheits-gehalt des Briefs beantworten. Es wurde bereits festgestellt, der Empfänger konnte einige der Angaben recht rasch überprüfen, womit die Wahrscheinlichkeit, dass der Abt seiner Fantasie freien Lauf gelassen habe, ohnehin sehr niedrig anzusetzen ist.
Die Inhalte der Entschlüsselung, dazu der erkennbare Umfang und Aufwand der Ermittlungen in Sachen „Faust“, aber auch die kunstreiche Verschlüsselung der Erkenntnisse selbst, sie lassen keinen Raum, um von einem privaten Schreiben zu sprechen. Es handelt sich vielmehr um einen geheimdienstlichen Bericht, um ein amtliches Schriftstück auf hoher Ebene. Man darf davon ausgehen, dass jedes einzelne Wort des Schreibens der Wahrheit entspricht. Man darf des weiteren an-nehmen, dass Abt Trithemius deutlich mehr an Informationen über Faust, dessen Reden und Titel besaß, die er allerdings nicht einbrachte, da sie ihm vergleichsweise unbedeutend erschienen bzw. die Verschlüsselung gestört hätten.
Abt Trithemius beschränkte sich auf das wesentliche.                     
Es sei festgestellt, Faust, von späteren Generationen auch gerne als Revolutionär gesehen, ist nach dieser Lesart des Briefs kein Rebell, kein Teil der revolutionären Bewegung. Faust hat die Unruhe, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung lediglich benutzt, um sich damit aufzuschmücken, um sich noch interessanter zu machen.
Die Aufschlüsselung zu Grunde gelegt, erklärt auch warum Trithemius in offen-kundigem Ärger formuliert: „…welcher Wahnsinn gehört dazu, sich die Quelle der Nekromantie zu nennen!“
Faust muss an irgendeinem schönen Tag, bei seinen verwegenen Prahlereien auf irgendeinem belebten Marktplatz tatsächlich der Teufel geritten haben; Rädelsführern wurden die Gliedmaßen gebrochen, anschließend wurden sie aufs Rad geflochten, das Sterben dauerte drei Tage.
Ohne Frage ist es makaber, dass als Codewort für Rädelsführer die Bezeichnung „Fürst der Nekromanten“ verwendet wird, Aufständische also als Knochen oder auch als Tote bezeichnet werden, andererseits ist es symptomatisch für das Wertesystem jener Feudalgesellschaft; die unteren Schichten der Bevölkerung galten nichts. Selbst die fünf gewiss nicht armen Bauern, die einem örtlichen Schrannengericht vorsaßen, also Streitigkeiten um Getreide regelten, wurden als „Bauernfünfer“ tituliert.

Spekulation und Wahrheit. Um die Wahrheit schlechthin geht es hier noch nicht, im Moment handelt sich bei der hier vorgetragenen Lesart des Trithemius-Briefs um eine These; Faustkämpfer, Faust-Spezialisten und Historiker werden sich zu Wort melden.
Zuvorderst darf es also noch immer um die Lust an der möglichen Wahrheit gehen. Man lasse also den „Staatsschutz“ weiterhin im Spiel, die „Akte Faust“ erfährt eine pikante Steigerung.
Johannes Virdung, Funktionsträger des Überwachungsapparates, überwacht den der Rädelsführerei verdächtigen Faust, muss ihn gegebenenfalls dem Gericht, der Folter, dem Rad zuführen, während er in seiner Eigenschaft als Hofastrologe von Heidelberg den lebenden Astrologen Faust eventuell viel dringlicher brauchte, als der „Staats-schutz“ einen weiteren überführten Rebellen.
Diese geheimen Qualen des lieben Virdung dürften einem Trithemius wohl kaum verborgen geblieben sein. Man inhaliere dazu den letzten Satz des Trithemius-Briefs: 
„Das ist es, was mir nach dem sichersten Zeugnis von jenem Menschen fest steht, dessen Ankunft du mit so großem Verlangen erwartest.“

Um die Schale der Spekulation auch bis zum Rand zu füllen:
“Wir erinnern uns auch, dass er uns durch einen Bürger die schriftliche Aufzeichnung seiner Torheit, welche er dir gab, überschickte.“ Ist „Bürger“ etwa das Codewort für Agent? Könnte dieser gestelzte Satz bedeuten, dass ein Agent Faust ein Schriftstück mopste?
Wenn das zuträfe, dann könnte es auch sein, dass jenes „Wir“ sowie das „Uns“, die Codewörter für den Geheimdienst selbst sind.

Die Entschlüsselung des Trithemius-Briefs wurde im Oktober 2009 mit eigenem Portal ins Internet gestellt; verzeichnet wurden 430 Klicks pro Monat. Meine Darstellung erfuhr keine Kritik. Nachdem mit August 2010 das Interesse deutlich abnahm, wurde das Portal aus Kostengründen gelöscht.



„Faust – im Visier des Geheimdienstes“ umfasst folgende Essays:

Neun wissenschaftlich anerkannte Quellentexte* und zwölf Indizien* / 5
* (Die Rechte der Verwertung sind frei.)
„Objektiv!“ Eine Historikerin hat Bedenken / 11
Faust – im Visier des Geheimdienstes  / 11
Johannes Virdung – die Spinne im Netz / 29
Faust in Kreuznach – der Schulmeister am Glockenseil / 36
Medicus Faust, in der Blütezeit der Pflanzenheilkunde / 37
Nachhall einer Provokation – die Entwicklung der Faust-Literatur / 47
Magdalena Bock, Kräuterweib und Zauberfrau / 49
„MBW“ / „Melanchthons Briefwechsel“ / 54
Melanchthons Bekanntschaften rund um Faust / 54
Melanchthon schweigt / 57
Die kleinen Hausfreunde – auf dem Bücherbrett / 68
„Kuntling“ im Staatsarchiv / 69
Faust tritt auf – immer situationsgerecht / 74
„Tuus Faustus“ – Faust polarisiert die Oberschicht / 83
Schwierige Zeiten – merkwürdige Allianzen / 85
Simon Magus, „Urfaust“ und „Urketzer“ / 87
„… wer aber weissagt, der erbaut die Gemeinde.“ / 89
Astrologie, die große Hure / 94
Die Legende vom beschlagenen Astrologen Faust / 98
Die Astrologie im Praxistest / 103
Nachtsitzungen – Faust in den ersten Kreisen der Gesellschaft / 104
„Doctor iuris utriusque“ – zur Entwicklung der Rechtspflege / 114
Chinthugh bei Bagdad – über den Umgang mit Urkunden / 119
Der Mann aus dem Nebel / 120
Knittlingen verliert die ersten zwei Indizien / 121
Textbausteine für Knittlingen / 126
Vorsicht! Faust-Falle! / 129
Geboren, verstorben, verweht / 131
Till kommt nach Knittlingen / 132
„Typisch deutsch!“ / 133
Eine Instrumentalisierung / 135
Geschichtsfälschung auf protestantisch / 144
„Übles Hausen“ / Geheimniskrämerei um Abt Entenfuß / 151
Eine Straße für ein Leben – Knittlingen an der Heerstraße / 151
Bilder aus dem Unterbewusstsein – die Welt des Übersinnlichen / 153
„Grüß Gott! Ich bin der Teufel!“ / 159
Kurzinformation zur Luther-Bibel / 161
„Canon Episcopi“ / 162
„Du bist in widerzeme - Hegxe gar ungeneme“ / 162
Hexen und Zaubern – einige Unterscheidungen / 165
„Exorzist spricht von Teufelsangriff auf Papst“ / 167
Mit Platon auf dem Kutschbock? / 167
Ein Klosterschüler? / 171
Hexen und Heiler / 174
Gegendarstellung / 176
Schattenboxen – die heile Welt der frühen Humanisten / 181
Der Reuchlin-Streit / 187
Kein vortrefflicher Regent / 190
Skandal in Erfurt / 194
Bücherverbrennungen und andere Verächtlichkeiten / 201
Faust auf Reisen / 201
Der Zauberschrank von Knittlingen / 210
Ein Freimaurer „erkennt“ den Schrank des Dr. Faustus / 215
Das Fausthaus ist kein Fausthaus / 216
Eilt---Eilt---Eilt--- / 217
Katholisch oder Lutherisch / 218
„… hette befehl getan - das man jn fangen sollte.“ / 219
Etikettenschwindel / 223
„Getretener Quark wird nicht stark“ / 224
Narrenfreiheit für Faust – Blasphemie bleibt ungestraft / 227
War Faust ein Telepath? / 233
Begardi vernichtete Faust – der Mord, der ein Selbstmord war / 245
Wie der Hexentod zurück nach Deutschland kam / 254
Die Katastrophenhysterie / 259
Eine Spekulation / 260
Faust – ein Leben in der Sternenschale
        Impression, Suche und Versuch – Evokation und Abgesang / 261
„Melanchthons Briefwechsel“ – eine Nachlese / 262
Kaiser Karl V., Gemälde von Lucas Cranach d. Ä.; Öl auf Holz, um 1550 / 289
Faust – und kein Ende! / 290

Erklärung des Autors / 292
Dankworte / 292

 


Dankworte

Neben den Autoren der Faustforschung, die mir nicht allein wichtige Informationen lieferten, sondern mich auch Fragen stellen ließen, gilt mein Dank auch jenen Menschen, die mir unmittelbar zur Seite standen; sei es durch Recherche im Internet, Auskünfte oder auch Kritik. Ohne deren Hilfe und Wissen hätte mein „Faust“ gewisslich nicht derart radikal die bekannten Pfade der Faustforschung verlassen. Einige der guten Geister wollten nicht genannt werden; statt deren Namen finden sich die Berufsbezeichnungen.

Alexander Bartmuß / Leipzig
Andreas Deutsch / Heidelberg
Ein ehemaliger Meister der Freimaurer
„Die Literatten“, kleinster Literaturkreis Saarbrückens
Christine Mundhenk / Heidelberg
Ein Dozent für Pharmazie-Geschichte
Stefan Rhein / Wittenberg
Ein Rezept-Forscher
Bernd Rill / München
Peter Rückert / Stuttgart
Ulrich Schäfer-Newiger / München
Heinz Scheible / Heidelberg
Ute Trieglaff / Saarbrücken
Wolfgang Weinkauf / München

Copyright beachten!

Download:
Faust im Visier des Geheimdienstes (PDF)
Neufassung - Mai 2016
292 Seiten, 5,02 MB


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Dr. Faustus (1480-1540)
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Münchner Asphalt Fledermaus & Cie. Autor
Die Hexenbulle König Ludwigs des Frommen