Dr. Faust im Narrenschiff

DRAMA

Autor: Hans Andres Jörg Schön

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Vorspiel auf dem Theater

Direktor, Theaterdichter und eine kritische Person


Direktor:
Ihr beiden, die Ihr mir so oft
in Not und Ärger beigestanden,
so unter uns:
Verlegen bin ich nie gewesen,
doch dieses Volk,
hat sich das Beste abgewöhnt:
Es ist so schrecklich unbelesen!

Wie machen wir`s, dass alles frisch und neu
und voll Bedeutung auch gefällig sei?
Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
besonders weil sie lebt und leben lässt!
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
und jedermann erwartet sich ein Fest!

Dichter:
O sprecht mir nicht von jener bunten Menge,
bei deren Anblick mir der Geist entflieht,
verhüllet mir das wogende Gedränge,
das wider Willen mich zur Erde zieht.

Mein Platz, das sind die Himmelsfernen!
Dort zwischen Göttern und Gestirnen,
wo mir als Dichter Freude blüht,
mein Geist in freien Bahnen zieht.

Denn was da meiner Brust entspringt,
was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,
in Muße sich zum Kranze schlingt,
verschlingt der Masse tobende Gewalt.

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
das Echte bleibt der Nachwelt unverloren!

Kritische Person:
Der Dichter redet wirr!
Denn so nur Gutes blieb auf Erden,
so müsst es täglich besser werden!
Und außerdem,
was gibt er sich den hohen Rang?
Nur weil ihm ist das Herze bang?
Nur weil da seine Brust sich hebt?
Er Worte mit der Zunge quält?

Was ist denn Kunst?
Und was gehunzt?
Dies Urteil wird doch erst gesprochen
wenn unser Leben abgebrochen!

Direktor:
Ganz recht!
Der Himmel ist ein hehres Ziel,
doch hier auf Erden schlechtes Spiel!

An was soll sich das Volk auch laben,
gäb´s hier nur lauter brave Knaben?
An was soll sich ein Herz entzünden,
gäb`s Tugend nur und keine Sünden?

Auf Erden teilt man seine Zeit
in Arbeit und in Zeitvertreib.
Drum setzt Euch hin und schreibt ein dreistes Stück
voll Elend und voll Tugendglück.

Greift gleich hinein in`s Bühnenleben,
denn da ist nichts, das nicht geschrieben!
Es liegt bereit als Material
ein Faust, ein Lear, ein Parzival!
Rasch ist ein altes Werk zerpflückt,
ein zwotes, drittes beigerückt,
dann gut gerührt und präsentiert in schönen Scheiben,
könnt Euren Namen drüber schreiben!

Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
wer vieles bringt, wird manchem auch was bringen.
Mit bunten Bildern, wenig Klarheit,
viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
so wird der beste Trank gebraut!
Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte,
Ihr seid ein hoch geliebter Mann!

Dichter:
Ich führ` das Sterbliche zur hohen Weihe!
Ich weise Euch die Pfade zum Olymp!
Ich reiche Euch die Himmelsspeise!
Ich stelle mich in eine Reihe
mit Göttern unterm Himmelszelt!
Und dieses Hohe Gut
soll Ich in Tageseinerlei
und Eitelkeit verscherzen?

Kritische Person:
Bei aller Lieb und Treu,
gestattet mir, ich rede frei:
Die Rede von der Himmelsspeis`,
seid mir nicht bös,
ist doch nur Scheiß!
Euch ehrt gewiss ein Edelmut!
Doch bitte! Lest auch in Journalen
von Staatsaffären, den Skandalen
und merkt Euch gut die Hohen Namen!

Die Kunst ist nur ein schöner Rahmen,
denn eben jene sitzen im Parkette
zur Pflege teuerer Freunde, eitler Etikette.
Der Babelbande wollt Ihr Manna spenden?
Wohl Euch dabei noch edel finden?
Ha! Gebt dieser Welt doch was sie ist
und eine andere gibt es nicht!

Direktor:
Es reicht!
Genug gesponnen und gedrechselt,
halt er sein Maul,
der Worte sind genug gewechselt!

Ich -
hab` die Taler hingezählt,
damit die Bühne hier entsteht.
Mein Geld
hat auch den Tisch bezahlt,
an dem der Dichter sich erlabt!
Doch der will nur die Seele kleiden
und alles Irdische vermeiden.
So sei`s!
Dort draußen läuft die lange Gasse
von hier nach dort,
doch stetig fort
und irgendwo auf dieser Straße,
dort wird ihn erst der Hunger
und dann der Teufel holen.
Verlasst mein Haus!
Sofort und gleich und schert Euch weg!

Dichter:
O weh ... Ich …

Direktor:
So schreibt und bleibt!
Ich -
will den Faust, dies wilde Stück
mit neuer Gier und Teufelsglück,
das Publikum wird schier verrückt
und neues Geld drängt frisch herein!

Von Goethe lasst Euch inspirieren,
der Teufel soll`s zu Ende führen!



I


Erste Nachtszene im Studierzimmer


Faust an seinem Stehpult in einem engen, mit Bücherregalen voll gestellten Raum.
In der Verlängerung des Raumes köcheln Substanzen in bauchigen Glasgefäßen.

Faust:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Alchemie und auch Theologie
so sehr studiert in heißer Müh!
Da steh ich nun, ich armer Tor
und bin so klug als wie zuvor!
Heiß mich Magister, Professor gar
und quäl schon an die zwanzig Jahr
die Schriften, die Schüler, die Logica.
Und seh, dass wir nichts wissen können,
das will mir schier das Herz verbrennen!


Da bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
fürchte weder Hölle noch Teufel –
hab selbst mich der Magie ergeben.
Dass mir durch Geister Kraft und Mund
so manch Geheimnis würde kund
und ich erkenne was die Welt
im Innersten zusammenhält!

Und doch blieb mir das Tor verschlossen,
so sehr ich suchte unverdrossen,
auch wenn ich manche dunkle Nacht
an diesem Pult heran gewacht.

So ist mir alle Freud entrissen,
glaub nicht mehr, was rechts zu wissen,
bild mir nicht ein, ich könnt was lehren,
die Menschen bessern und bekehren,
es möcht kein Hund so länger leben!

Eine Tür klappt, Gretchen ist leise eingetreten. Sie nähert sich behutsam Faust.

Ach könnt ich doch gesund mich baden,
von allem Wissensqualm entladen,
das Altgedachte, Hergebrachte
wie Maschen einfach fallen lassen
und Kett und Schuss aus neue fassen,
das Schiffchen noch einmal zu schieben,
mir ein neues Tuch zu weben.

Ach, könnt ich nur! Ach, wüsst` ich wie!?

Gretchen:
Oh, Heinrich lieb!
Schon wieder graut ein Morgen!
Ich hab Euch diskutieren hör`n,
die Nacht hindurch im Tagtraumspiel …

Doch - ?
Was ist mit Euch?
Auf Eurer Stirn Gewitterfalten,
in Eurem Blick ein wildes Glüh`n!

Gretchen schmiegt sich an Faust.


Ihr strebt so sehr nach Wissen,
wollt wissen was die Welt erhält,
doch kommt in meine Arme,
die Lieb` Euch inniglich umfängt.
Die Liebe ist kein Wissen,
nur etwas, das die Welt erhellt!

Was seid Ihr für ein wunderbarer Mann!
Doch habt fein Acht und seid recht zart,
und dass er nit vergess,
dass ich, sein Weib,
doch jetzt für zweie eß!

Gretchen und Faust verlassen den Raum.
Drei Studenten, Matthias, Anselm, Maximilian, eilen herein.
Matthias und Maximilian nehmen die Arbeit an den Destillationsapparaten
auf, sie ziehen Proben, schreiben Protokoll.
Anselm bleibt an Fausts Stehpult zurück, er studiert Fausts Notizen.


Maximilian:
Verficktes Weib!

Matthias:
Soll sie nur recht in Liebe schalten,
den Faust uns schön vom Leibe halten!

Maximilian:
Verführen und Dressieren ist Zweierlei!

Anselm wirft ein Buch auf Fausts Pult zu, eilt an die Arbeit.

Anselm:
Er suchte wieder mal nach Geisterkräften!

Maximilian:
Er ist ein Laff!
Er prunkt und protzt und treibt recht wild,
gleich einer Zwiebel wohl beseelt,
die nur die eigenen Häute schält!

Matthias:
Doch nun, da er sein Bild gezeugt,
ich seh ihn zärtlich hin geneigt,
von Gretchen liebevoll umheckt …

Anselm:
Sancta Simplicitas!
Was soll er Milde an sich lassen,
müsst er doch bei dem Spiele passen,
das er seit Jahren so geübt:
Magister ihre Häupter beugen,
Doktoranden stehen Angst gekrümmt,
weil Faustus nur den Flur durchschreitet,
von fern die Würden-Kette blinkt!

Maximilian:
Die Universität, ein Hamsterstall!!?
Ein politisch Lied, ein freches Lied,
das möchte ich gerne hören!

Anselm:
Hamster singen leider nicht
und schon gar nicht schöne Lieder!

Ein jeder frisst und kaut und schluckt,
was Faustus ihm ins Mäulchen druckt,
Schröpfgläser an die Stirn gepappt
und Hurri-Hopp ins Hamsterrad!
Es wird geschwitzt! Und siehe da:
Ein Fünkchen spritzt -

Maximilian:
- schon hat es Faustus weg stibitzt!

Matthias:
Und Nacht um Nacht, er wütet weiter,
will schier die Haut vom Leib sich reißen,
ihm ist die ganze Welt zu eng!

Maximilian:
Grad mir, so ich drei Stunden weiter denk!

Matthias:
Ihr habt euch gar nicht präpariert,
der Pflanzen Wirkkraft einstudiert?!

Maximilian:
Aaaaaaaa…

Anselm und Matthias stimmen ein:
Aaaaaaaaaaaaaaa!

Sie deklamieren gemeinsam:
Der Aenis Samen oder auch ein Konfekt davon
Gegen Dünnschiss und was mit Ausfluss zu tun
Dem stinkenden Atem ist es lieblich
Dem schlaflosen Menschen ist es nützlich
Auch gut für Lungen, Leber und Magen
Fördert die Milch an der Säugerin Tagen!

Die Bornkrass, das ist Brunnenkress
Mit rotem Wein oder Milch der Geis
Stillt die Ruhr und die Bauchausflüss
Die Flecken und Pickel im Angesicht
Mit Kleie gesotten und drauf gestrich
Treibt den Harn, tötet die Würm – sobald man isst!

Die Erdknoll – Tubaterrae zu Rom genannt
Mit Muscat und Mastix gemengt in sorglicher Hand
Gestampft und getrocknet treibt das Vergift
Treibt gelben Schweiß – mit Wein gemischt
Soll ein schwanger Weib drüber gehen
Vorzeitig Geburt wird daraus entstehen!

Bengelkräutlein sich den Leib erküren
Wasser und Gallen auszuführen
Purgieret und reinigt den ganzen Leib
Bringt Frauen auch die Monatszeit




II


An einer Landstraße


Auf einem Platz an einer Landstraße stehen Budenwagen unter Bäumen eingeparkt,
ein Kochfeuer qualmt, ein langer Tisch ist aufgeschlagen.
Ein Dutzend Leute schmausen und bechern. Kreischen, Gelächter und laute Trink-
sprüche künden weithin von überschäumender Laune. Die Tischsitten sind derb,
man schnäuzt sich in das Gewand, wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab,
gegessen wird, unter Zuhilfenahme von Messern, mit den Fingern. Es wird stets
auf Ex getrunken, anschließend wird mit den Bechern, die Öffnung nach unten,
wieder angestoßen. Einer hat sich jetzt den Mund mit Wein gefüllt, die Backen sind
gebläht, sein Nachbar stößt ihm den Finger in die Backe, der Trinker prustet Wein
und Essensreste über die Tafel. Begeistertes Kreischen ist die Antwort; ein Moment
allgemeiner Aufregung, den sofort einer nutzt, dem Gegenüber Esskastanien und
Braten von dessen Platte zu grabschen.
Am Bildrand, gedeckt durch einen Baum, beobachtet ein Einsiedler ungehalten
das Treiben.


Erneute Trinksprüche:
Ich bring dir eins!

Ich kitzle dich! Das kommt dir zu!

Wart, ich will mich wehren, ich oder du, aber einer ist dann voll!

Oh wie wohl ist mir am Abend …

… wirst dich lieb mit Säuen haben!

Oh, was bin ich froh
der großen teutschen Nation!

Mir egal, solang `s nur was zu saufen gibt!

Es lebe hoch das Pfeiferhänschen!

Ich hab ein Amt und keine Meinung,
doch hütet Eure Zung! Läuft mancher rum,
sich Eure Stiefel zu verdienen!

Habt Ihr gehört, die Bauern haben Maulbronn besetzt!

Dumme Köpp! Sie machen dem Württemberger die Arbeit!

Da schaust, du dummer Bauer!
Wo ihr alles riskiert, kassiert am End ein anderer!


Zu Ensheim halten die Schuldherren die Scheuern voll…
…aber Brot ist kaum zu kaufen!

Wär alles nicht so wüst,
hätt man nicht überall die Juden davon gejagt!

Der Juden Zinsfuß war leidlich!

Bei Gott! Christen haben einen härteren Griff!
Meiner Schwester Herz ist Advokat! Mit einem Wort erwürgt er dich!

Dumm, die Milchkuh an die Wand zu werfen!

Warum? Gibt genug Rindviecher!

Wenn sich die Juden aber auch gar nicht zu Jesum Christum unserm Herrn
bekennen wollen!

Wenn nur der Wahre Glaube sich mit dem Richtigen Geld zusammen tut!

Trotzdem, es war a schöne Hetz!

Und für die Herren ein Gewinn!

Einsiedler:
Ein Ritter jetzt bei Bauern sitzt,
mit Prassern, Bettlern Blödsinn schwätzt,
die Freud beim Lärmen, Bechern sucht,
sich`s Maul verreißt, der Ordnung flucht!

Ja, Schrift und Ordnung sind veracht,
es lebt die Welt in finsterer Nacht!

Die Tafelrunde wird auf den Einsiedler aufmerksam, der Einsiedler tritt an
den Tisch.


Einsiedler:
„Das Narrenschiff!“ Grad wie´s der Brant hat aufgeschrieben,
dies Stück, hier wird es also auch gegeben!

Zecher:
Sebastian Brant! Er plappert und er klappert!

Student:
Die Leute lesen gern sein Buch, sie grad davon besessen sind!
Ein jeder drin sein Verslein find,
die Zunge durch den Dreck zu führen,
seinem Nachbarn drauf zu schmieren!

Ein Zecher erhebt sich, spricht im Singsang einer Büttenrede:
Zu Basel in der Bütt geschrieben,
zu Straßburg in den Druck gegeben!
Er ist ein Narr! Er fremde Leut bedrängt mit Rat,
es hat ihn niemand drum befragt!

Sein Nachbar formt die Hände vor dem Mund zum Trichter:
Tarö! Tarö! Taröö!

Gerechtigkeit um Geld ist feil!
Um Geld käm mancher an ein Seil,
käm er mit Geld nicht aus der Haft!
Um Geld bleibt Sünde ungestraft!

Tratrö! Tratrö! Tratröö!

Die Obrigkeit hat lange Händ!
Wer Aufruhr schwätzt,
die Leut verhetzt,
der Pfeiferhans war schnell verbrennt!

Taröö! Taröö! Tarööö!

Ein jeder schnell zum Pfarrer renn,
seine Sünden hin bekenn!
Ein jeder, der nicht rennt,
im Höllenfeuer brennt!

Zeigt dem Einsiedler eine lange Nase:
Tatöö! Tatöö! Tataa!

Wer seinem Weib erwirbt, wonach sie drängt,
bald alles gar beim Trödler hängt!
Doch froh die Münz im Kasten klingt,
die Seele in den Himmel springt!

Tratrö! Tratöö …

Einsiedler:
Gottloses Volk!
Der Schreiber hat sein Buch erklärt:
„Zu nutz: Daz heylsam wert gelert /
vermahnung vnd erfolgung der wyßheit /
vernunfft vnd guoter sytten: Ouch zu
verachtung vnd straff der narheyt /
blintheyt yrrsal vnd dorheit /
aller stat / vnd menschengeschlecht.“

Zecher:
Der Brant! der Welt den Sündenspiegel hingereckt,
die wahre Absicht hinten dran versteckt:
Von Straßburg ist er! Kaisertreu!
Von neuen Steuern - blieb Straßburg frei!

Zecherin:
Der Kaiser Amt und Ehr ihm schenkt, der Kaiser ihm die Feder lenkt!

Student:
Sucht Namen und Exempla quer durch alle Schrift
grad wie`s ihm taugt, auch wenn`s nicht sticht,
ist nur für dumme Leut – und stört ihn nicht!

Einsiedler:
Des Vaters Geld gut angelegt,
der Sohn die Narrenkappe trägt!
Statt dass er täte fest studieren …

Student:
Brauch nicht auf große Kunst zu sinnen,
will nur ein Pfaffenamt gewinnen!
Leicht ist ein Bischof zu betrügen,
so Brief und Titel sich zum Namen fügen!

Einsiedler:
Als Bock er über Bänke springt
und jauchzt und plärrt,
als würd zur Schlachtbank er gezerrt!
So wird zum Priester dann geweiht,
wer fern der Heimat maledeit!

Zecher:
Die Pfaffen reden, wie sie wollen,
dass wir nicht jenes, dieses sollen!
Wär es so sündig, wie sie schreiben,
sie täten es nicht selber treiben!

Zecher:
Was schäm ich mich! Für unserer Menschheit Angesicht!

Einsiedler:
Es wird Euch lutherisch gericht`!
Wen ernster Tadel nicht belehrt,
zum Ketzern wird er hin bekehrt!

Zecher:
Dem Prediger steht übel an,
wenn er nur allzeit schimpfen kann!
Wie will er denn das Gute sehen,
tät Sünd und Laster nicht geschehen?

Einsiedler:
Das Gute?! Männer nach der Weiberart
salben sich mit Narrenschmalz,
lassen am entblößten Hals
viel goldene Ring und Ketten sehen!
Ihr Weiber, gleich an Schande
- als neue Sünde jetzt im Lande -
mit schändlich kurz geschnittenen Röcken,
die bald den Arsch nicht mehr bedecken!
Ein schöner Leib steht hoch in Acht
doch währt kaum über Jahr und Nacht!
Das Übel wächst, dem man nicht wehrt!
Weh Euch! Da ihr das Huren lehrt!

Frau streckt den Kopf aus einem Wagenfenster:
Was er so schreit! Vertreibt die Kundschaft und die Leut!

Einsiedler:
Du sündig Weib! Plärr nur hinaus,
dass jedermann komm dir ins Haus!

Astrologe:
Ihr solltet Euch mal ein Horoskop stellen lassen!
Vielleicht ein Nativität! ....................(Lebenshoroskop nach Geburtsstunde)

Einsiedler:
Einem Christen nicht ansteht,
er mit Heidenkunst umgeht!

Astrologe:
Unerforschlich sind die Wege des Herrn!
Verlässlich ist der Sternenlauf!

Einsiedler:
Und Wahrsagung und Vogelschrei,
und Zauber, Segen, Träumebuch!
Auch was man gut bei Mondschein such!
Ein jedes Ding so klein,
das Allerkleinst im Fliegenhirn,
das tut ihr lesen im Gestirn!?!

Zecher:
Du liebe Zeit! Die Welt, sie will beschissen sein!

Zecher:
Hört auf! Mich juckt`s und brennt`s heut wieder!
Mir läuft´s so stinkesauer davon…

Arzt:
Dir steckt das Schindermesser schon im Arsch,
ich wüsst da ein Remedium!

Einsiedler:
Bald jeder maßt sich Arztkunst an,
weil er von Hildegard gehört,
alte Weiber ihn gelehrt!
Dazu die eine Stinkesalbe,
die alle Wunden, Stiche, Schnitte,
selbst alle Bresten heilen tut!
Kein Unterschied dabei,
ob Kind, Mann oder Frau es sei!
Ein Amulett, ein wirrer Spruch -
die Geldkatz frisst kein Hungertuch!

Arzt:
Dumme Sprüche machen vielleicht selig, …

Einsiedler:
Es schreit sein Arsch! Weil er die Seel nicht hört:
Sein Saufen, Schlingen! Seine Sünden …

Zecher:
Schon Sarnapal, der Heide, wollte,
prassen man im Leben sollte!

Von der Landstraße her kommt ein Reisender gegangen. Er ist schwarz gekleidet,
um seine Schultern weht ein gelber Umhang.


Es wird angestoßen:
Vivat!


Der Toten harren keine Freuden!


Hoch, der gute alte Epikur!


Setzt all sein Glück auf Wollust nur!

Einsiedler:
Ihr seid verdampt!

Zecher:
Der zwischen Stein und Stein sich legt,
wer groben Schimpf im Maul bewegt -
ihn Trübsal bald und Schaden schlägt!

Einsiedler:
Welch Wort sind das und welch ein Mann?

Landsknecht erhebt sich, greift an sein Schwert:
Ein viel erprobter Reitersmann,
der auf dem Weg nach Portugal und dann
auf wilder See zu unbekannten Küsten zieht!
Wo es dann deine Sorte –
ich hoffe sehr – nicht gibt!

Einsiedler:
Wer schlecht an Sitten und Gebärde,
sucht selbst, wo er zum Narren werde!

Landsknecht:
Verlässlich kommt von Portugal
und von Hispanien überall,
Goldinseln gefunden und nackte Leut…

Einsiedler:
Fremd in der Fremd zu Grund er geht…

Der Reisende redet den Einsiedler an:
Mein lieber Mann, die Welt ist weit,
die Schritte schnell geworden,
die neuen Kontinente sind entdeckt!
Noch pressen sich der Städte Häuser, Gassen!
Doch bald – wer weiß – man könnt da was verpassen!
Die Demut wird zum fremden Wort,
als Schwester der Bescheidenheit
passt sie auch nicht mehr in die Zeit,
hat auch so einen Beigeschmack
von weltfremd – Ofenhockerei.


So gibt es viel zu tun
und die Menschen packen zu
und wer schnell ist – packt jetzt alles ein!

Einsiedler:
Wer seid Ihr?

Reisender:
Ein vielgereister Mann!
Ein Immerdurst, ein Nimmersatt der Wissenschaft!

Einsiedler:
Ein Nimmersatt der Narrenschaft! Er reist und fährt,
hat weder Wissen noch Verstand gemehrt!
Wer viele Studien auf sich nimmt,
er gleicht dem Jäger in der Stund:
fünf Hasen fangen mit einem Hund!
Wer hier muss sein und doch auch dort,
ist weder hier noch dort vor Ort,
gleich einem Esel, der nie satt,
obgleich er viele Herren hat!

Reisender:
Stark scheinen mir in diesem Land der Männer Magen,
viel Schimpf und Schande sie ertragen!
Ich selbst bin fremd in diesem Land!
So sagt mir nur – ein Doctor Faust war mir genannt …

Zecher:
Immer der Nase nach, der Sonne hinterher!

Einsiedler:
Der Faust!? Der Doktor und Professor?!
Das ist ein Mann: Belesen in aller Schrift,
hält alte strenge Ordnung – schlicht und fest!
Hat die Studentlein fest im Griff –
kein Strolchen, Dillettieren!


Ach! Was wär die Welt …
Doch die Menschen sind so schlecht wie dumm,
und bei den Klugen ist es andersrum!

Reisender:
Man muss sich um den Teufel sorgen?!

Einsiedler:
Den braucht´s auch nicht,
die Menschen es sich selbst besorgen!
Sie lesen nicht mehr in der Schrift,
um zu erkennen, zu begreifen,
dass alles unveränderlich
und somit auch vergänglich ist!

Zecher reden den Reisenden an:
Geh! Setzt Euch her!

Braucht Eure Geschichten nicht im Sack tragen!

Schenk ihm ein!

Er wird besseres gewohnt sein!

 

................... So schlecht ist unser Tropfen auch nicht!

Einsiedler wendet sich den Zechern zu:
Allein wer Gott im Herzen trägt,
den werden seine Todesschwingen
auch vor sein Antlitz tragen!
Doch wer ihn leugnet oder gar vergisst,
wird mehr als nur den Leib verlieren,
er gleicht der Flamme –
er verlischt!

Reisender:
Schon gut! Beruhigt Euch! Doch sagt,
zu Salamanca wird erzählt,
der Faust, er war ja so bestrebt
und hätt sich so gemüht,
in jüngster Zeit er allerdings
recht heftig lamentiert,
weil Denken nicht mehr weiterführt?!

Einsiedler:
Er muss nicht denken,
er ist ein Gottesknecht!

Reisender:
Es scheint, er dient ihm auf besondere Weise!

Einsiedler:
Nicht irdisch sind des Doktors Speisen!
Und er hat just den Punkt erreicht,
das Irdische von sich zu weisen,
damit das Stolze aus ihm weicht.
Um los zulassen, sich zu lösen
und zu erfassen, auf Erden ist kein Gut zu zwingen,
selbst bester Zwang führt nur zum Bösen.
Doch sich den Ärmsten zu zuwenden,
heißt eine Menschheit weiterbringen!
Dafür – hat Gott ihn in die Welt gestellt.

Reisender:
Wer hat denn jemals das gehört,
dass einer, der nach Wissen greift,
ein Büßerhemdchen überstreift?
Dass Hoffahrt in den besten Jahren
sich plötzlich wird mit Demut paaren?
Die Hoffnung sei Euch ausgerupft,
dies Feuer wird gleich ausgetupft.
Könnt Eure Lümmel schikanieren,
doch ich werd` Faustus karressieren!


Ich werde seinem Streben
die Macht noch aufaddieren,
und ihn der Menschheit
als Ausgeburt, als ihresgleichen,
Euresgleichen,
als Gottes Gleichnis vorzuführen.


Am End im Blutgewand
führ ich ihn dort die Straß entlang.
Bei meinem Wort,
die Steine sollen Euch berichten!

Entschlossenen Schrittes geht der Reisende davon.


III


Zweite Nachtszene im Studierzimmer

Faust:
Weh! Steck ich in dem Kerker noch,
verfluchtes dumpfes Mauerloch,
wo selbst das grelle Mittagslicht
trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
mit Instrumenten voll gepfropft,
Urväter Hausrat drein gestopft!
Beschränkt von einem Bücherhauf,
den Würmer nagen, Staub bedeckt,
bis unter das Gewölb hinauf
ein angeraucht Papier umsteckt.


Mehr als ein halbes Leben liegt`s zurück
da ich vor dieser dunklen Front
von Lederrücken fast erstarrte
und zweifelte das Wissen zu begreifen,
das Seit um Seit da auf mich harrte.
Mit stillem Lorbeer hab ich Euch umkränzt,
so hoch hab ich Euch wertgeschätzt,
hab Euch geliebt, mich hingegeben,
hab Euch gelebt und – abgelegt,
da Ihr nur das an Wissen gebt,
was auch der Schreiber in sich trägt,
schlussendlich mit hineinverwebt.


Verlorene Zeit, nur weil ich glaubte
und Eurem Sud mich anvertraute.
Was hab ich mich gequält und rumstudiert
und bleib als Menschlein vorgeführt.


So soll ich in den nächsten Jahren
den Kopf dann unterm Arme tragen?


Und doch vielleicht
sollt ich`s noch mal probieren
und Geister mir herbei zitieren?!


Oder mit des Nostradamus Versen
- jenen kirchlich weg gebannten,
mir doch heimlich wohlbekannten -
es versuchen zu erzwingen,
in seine Welten vorzudringen?

Lässt seine Linke unschlüssig auf ein Buch fallen, betrachtet das Buch,
verharrt nachdenklich …


Doch nein!
Denn von allen, die da schrieben,
bist Du am schlimmsten mir verhasst!
Du hast gewusst und nichts gegeben,
mit jeder Zeile mich verlacht!
Sahst einen Kranz von Kronen brechen,
einen Papst dann fallen,
hast Deine Todesnacht geschaut,
doch Ort und Zeit und Sternenstand
stehn ungenannt und wild gemengt,
in eiserne Quatrains gezwängt.


Dein Buch ein wirres Knäuel ist
aus Schlangen und aus Wortgezücht,
mal ist`s Latein und auch Hebräisch,
dann wieder Griechisch und Französisch
in Rätselbilder eingesenkt.

Nimmt das Buch in die Hand.

Doch hier! In meiner Hand
das Buch aus Deiner Hand,
ist wohl das beste Unterpfand!
Es ist Dein Werk und in diesem lebt Dein Geist!
Es ist Dein Blut und Testament,
gegeben zu Papier,
- das sicher auch gut brennt!


Und weh Du schweigst,
ich werf in`s Feuer Deine Verse,
Blatt um Blatt.
Und so Du sprichst, so will ich enden,
hier mit dem Deckblatt fang ich an.

Faust reißt das Vorsatzblatt heraus und hält es an die Flamme...

Sieh da! Es brennt!
Doch was ist das? Da schreibt sich eine Schrift!
Rasch weg und aus!
Grad wie zu Babel an der Wand
steht hier ein Wort jetzt eingebrannt:

„SATANAS …

Dacht ich mir`s doch, dass er mich angeschmiert
und mit dem Teufel rumpaktiert!

So ich es langsam überm Feuer
hin und her bewege
und schaukle recht geschickt
- schau an -
schon wird das übrige entdeckt:

„SATANAS von PERGAMON (Bezugnahme auf eine Vision)
Denke stets an mich den Einen!
Lass die Eins,
stell die Sechsen auf den Kopf!
Halte Ausschau nach vier Reitern,
Mond steht schwarz im Diamant,
dann erscheint von fern ein Engel,
kannst ihn schauen, doch nicht binden!
Die Wasser werden angehoben,
die Stunde wieder neu gemacht!
Wie die Sonne überm Berg,
so wird er kommen und verschwinden!
Erwirb nicht, um es zu besitzen!
Lass los! Lass los!“

Es klopft an die Tür.

Faust:
Herein mit Euch!

Ein Reisender – schwarz gekleidet, gelber Umhang - tritt herein,
schließt die Tür hinter sich.


Reisender:
Ich wünsch dem Hohen Herrn den allerschönsten Abend!
Vor kurzem traf ich ein paar Altbekannte
- erlauchter Kreis - in dem man lobend Euren Namen nannte.
Gleich war die Neugier - eines meiner Laster - angeregt,
da meine Seel doch auch so heiß nach Wissen strebt.
Ich hoff, es wird mir nachgesehen,
auch dass ich forsch und ungeniert,
gleich nach dem Werke frag,
das Ihr da konsultiert?

Faust:
Nun ja, dem Nostradamus ist`s entnommen,
zumindest ist es seine Schrift,
doch seine Verse sind es nicht!

Reisender:
Ich treibe sieben Künste, begabt mit sieben Titeln
und da Euch so am Wissen liegt,
darf ich nicht schweigen,
muss ich kriteln:
Als Meister der Verneinung
kann ich Propheten nur verachten,
wer Qualm und Traum zu Rätseln rührt
will nicht nach Klarheit trachten!

Faust:
Begabt mit sieben Titeln?
Gebt zu, dass Ihr der Teufel seid!

Reisender:
Nichts geb ich zu, ich hab doch nichts verschwiegen!
Ich bin nur, was ich bin!
Der Titel war mir halt verliehen,
doch wenn er Euch nicht so gefällt,
dann wird ein anderer ausgewählt!
Ich trage viele Namen,
ob Belzebub, ob Satanas,
bin Alias von Alias!

Faust:
Wie wär`s mit „Mephistopheles“!
Das tät mir konvenieren!
Ihr seht ja auch recht proper aus,
da könnt ich Euch recht gut
an meiner Seite präsentieren.

Meph.:
Ihr heißt mich Mephistopheles?!
Einen Lügner! und Zerstörer?!
Was schert Euch dann mein Weltgesicht?

Faust:
Ich hätt da eine Reihe Fragen!
Und da Ihr nun der Teufel seid,
so denk ich mir,
dass Ihr auch gut die Antwort wisst!

Meph.:
Gemach, mein Freund!
Ihr denkt, dass ich der Teufel sei,
ich bin ein Mann mit Wissenschaft,
der Name selbst ist einerlei!
Und ist auch vieles mir bewusst,
allwissend bin ich nicht!

Faust:
Was sprecht Ihr da?
Da bald ein jeder Schreiber dieser Schwarten ...

Meph.:
Leider in den Bücherkrusten
lesen wir, was sie nicht wussten.
In die Löcher ihrer Logik
wurden Teufel reingeschmiert,
dazu mit wilden Schnörkelbildern
die Dummheit dreist kaschiert!

Faust:
Was kümmern mich die Schreiber?
Verweigert Euch doch nicht!
Ich biet Euch meine Bücher,
das Wissen dieser Welt!
Ich biet` Euch meine Seele
und einen Batzen Gold!

Meph:
Ich bin Grossist - so Ihr versteht -
werd mir doch keine Arbeit kaufen!
Und Eure eine Seele,
die werdet Ihr doch selbst
in Leid und Schuld ersaufen!
Drum fragt, was Euch am Herzen liegt,
die Frage sich die Antwort zieht!

Faust:
Will wissen, was die Welt
im Innersten zusammenhält!

Meph.:
Ihr habt`s recht unscharf formuliert,
doch interessant.
Ihr fragt nach einer innersten,
so nehm ich an, die äußere Kraft ist Euch bekannt!?

Faust:
Mir wird ganz greulich vorm Gesicht!
Wem hätt ich mich da anverpflicht?
Der Teufel sei`s, ein Schüler spricht!
Wenn diesem keine Antwort glückt,
dann wird am Wort herumgestückt!

Meph.:
So, so! Euch wird ganz greulich vorm Gesicht,
wie Ihr die Wissenschaft betreibt,
so wundert mich das nicht!


Da ist im Kopf noch nichts gericht`,
da ist ein Geist noch nicht gereift,
doch bevor man gleich vom Teufel spricht
und nach Geisterbüchern greift,
heißt es methodisch vorgewagt
und Frag in Frage hinterfragt!


So Ihr dann präzisiert,
wird Euch auch Antwort zugeführt!

Faust:
Was heiß denn hier präzis?
Was werd ich provoziert?
Allwissend sein, das ist`s,
wohin mein Weg mich führt!

Meph.:
Das tut mir leid!
Allwissend, das ist keine Wissenschaft!


Was ist denn Euer Innerstes?
Ist es das Zentrum, eine Mitte,
oder gar ein Kiesel -
vielleicht nur ein Partikel?


Und diese Welt, von der Ihr sprecht,
meint Ihr das Spiel der Sterne,
oder eben nur die Erde?
Wie mach ich`s Euch denn recht?
Meint Ihr es philosophisch-physikalisch,
am Ende gar nur theatralisch?
So fasst Euch knapp!

Faust:
Ich seh, das wird ein harter Strauß,
man muss geduldig mit Euch reden.

Meph.:
Das gleiche denke ich mir auch!
Entschuldigt mich! Bis auf die Tage!

Mephisto verlässt den Raum, die Tür schlägt ins Schloss.
Faust schaut nachdenklich in Richtung der Tür.


Faust:
Begabt mit sieben Titeln?
Ein Meister der Verneinung …

Faust greift hinter sich, zieht ein Buch, blättert,
zitiert eine Textstelle:


„Er ist der Herr der Finsternis,
- gleich seinen Jüngern hier auf Erden -
der schwarzen Launen, Schadenfreuden, frechen Lügen!
In Geilheit – wie ein dunkles Fieber,
unzufrieden umgetrieben,
das üble Spiel im wilden Wechsel
auf immer neue Art zu üben,
den einen wie den andern - schließlich alle,
um sich selbst dann zu betrügen
- ein Meister der Verneinung!


Die Erde ändert Licht und Schatten,
so teilt sich alle Macht,
bis zur Minute, zur Sekunde,
da Dunkelheit gerinnt zu Licht,
soll niemand ihn sein Eigen nennen!
Halt sich ein jeder fern!“

Faust klappt das Buch zu, verharrt…

Wie konnte ich gestatten nur,
am hehren Ort der Teufel spricht
der frechsten, dreisten Worte!
Am Ende gar der Teufel sitzt
an meinem Pult!
und über mich hier zu Gericht!


Da wär ja wohl die Welt verkehrt,
dass mich der Hurer schustert,
der Lecker mich noch lehrt!


Unverschämter Unflat!


Der Teufel ist ein dummer Kerl!
Als wüsst nicht jedes Kind:
Er säuft und frisst,
er prasst und schlingt,
in seiner Gier am End
das wirklich Schlechte ihm misslingt!


Faust stellt das Buch zurück.


Wohl an,
da mir auf Erden nur eine halbe Kraft gegeben
so werd ich – will ich
mich des Bösen nun bedienen.

Faust höhnt:
Er ist Grossist!
Die eine meine Seele
ist ihm zu wenig!


Gier wird seine Falle sein!


Ich geb mich höflich, schwach und untertänig,
dass er mit sieben Künsten fein
mir brav und immer besser diene!


Als Dank
werd ich ihm einen Sack voll Seelen schenken!
Hah! Soll er ihn öffnen!
Das wird ein Brausen und Gesaus,
Ho! Ho! wenn tausend schwarze Brummelfliegen
den Weg ins Freie finden!


IV


Ein Theaterbesucher spricht zum Publikum

Wir alle wussten gut Bescheid
und jeder darf nun selbst sich fragen,
was er dazu wohl beigetragen,
dass Faustus hatte alle Zeit
Studentenköpfe voll zu schwätzen
mit Reden von Naturgesetzen,
von Sternenkraft und Geisterkräften.


Geblendet von verbotener Frucht
wird er dem Teufel Treue schwören.
Der Eva gleich in Zwang und Sucht
wird ihn das Böse Demut lehren!


Spart Euch das Schwatzen, Halsverrenken!
Ein jeder kann es selbst bedenken:


Längst vor dem ersten Atemzug
saugt jeder schon der Mutter Blut!
Denn so ist es gemacht auf Erden:
Leben?! Das heißt schuldig werden!


V


Tagesszene im Studierzimmer


Faust an seinem Stehpult, Mephisto tritt ein.

Faust:
Mephisto! Freund!
Dem Himmel sei gedankt!
Ich fühle mich geehrt,
die letzten Tage dacht ich viel an Euch,
ich dank Euch, dass Ihr wiederkehrt!

Meph.:
Seid mir gegrüßt, mein Doktor Faust!

Faust:
Ein hartes Nüsslein
hatte ich Euch aufgegeben,
um Antwort wart Ihr nicht verlegen,
ich glaube,
dass Ihr wissend seid!


Doch sei`s gestattet, noch eine Frage,
seit Tagen hat mein Herz bewegt,
sie sei Euch hiermit vorgelegt:


Als Meister der Verneinung
habt Ihr Euch bei mir eingeführt,
ich bitte, dass Ihr mir entdeckt
den tieferen Sinn,
der hinter dem Verneinen steckt!

Meph.:
Die Worte „Himmelsdank“ und „Glaube“
Ihr besser fürderhin vermeidet,
denn das ist in Essenz, was Euch
vom Handwerk der Verneinung scheidet!


Ich bin die Kraft, die stets verneint,
denn besser wäre nichts entstanden
und neues sei nicht mehr gegründet,
solange nicht der Mensch
als Meister seines Schicksals sich empfindet,
sich endlich weigert der Welten Elend
als gottgegeben gottergeben hinzunehmen!

Faust:
Der Menschen Plag ist oft entsetzlich groß!
Und wer gemahnt den Reichen?
Wer spendet Trost den Armen?
Und gottergeben
heißt doch auch erkennen,
dass nur in Gottesfurcht die Menschen
miteinander leben können.

Meph.:
Ein Gott, den sich der Arme sucht?
Ein Gott, der dann dem Reichen flucht?
Wer hat sich das denn ausgedacht?


Furcht im Leben, Furcht vorm Sterben
und Furcht vor einer Geißel in dem Leben nach dem Sterben!


Furcht hat sich ein Ding erschaffen,
das einem Geist-Gespenste gleicht,
nur weil`s der Menschheit Geist begreift!

Faust:
Weil wir doch gar nichts fassen können
und alles auseinanderklafft!
Gott ist das Lot,
dass alles aufeinander passt!

Meph.:
Ihr tätet besser Euch besinnen,
denn dieser Gott, von Anfang an,
bevor noch Adam grub und Eva spann,
stand nur sein Trachten und sein Sinnen
der Menschen Wunsch von Anbeginnen
nach Wissen und nach Meisterschaften
zu hindern und zu binden.


Was ist das für ein Gott,
den Ihr Euch ausgespäht,
der wie zu Lust und Spott,
den Menschen grad so lange liebt,
wie der sich in Gehorsam übt?


Und seine Rache!
So fürchterlich wie lächerlich
an ein paar nackten Erdenkindern,
weil die in ihrem Unverstand
Erkenntnis!
von einem Baume essen wollten!
In`s kalte Elend er sie trieb!
Das ist der Gott,
den Ihr Euch auserwählt!

Faust:
So unrecht habt Ihr da wohl nicht,
doch unklar ist der Text, das Bild,
in dem der Cherub die Worte der Verdammnis spricht.
Bedenkt auch wohl das Neue Testament,
das uns die Botschaft Christi bringt!

Meph.:
Könnt weiter theologisieren
und Euch mit Schlauheit kujonieren,
sind doch nur Sonntagsreden,
die nicht für einen Montag taugen!
Das kluge Reden, schlaue Diskutieren
kann doch nur jene irreführen,
die mit den gleichen Etiketten
denselben Mangel auch bedecken!


Ich rede von der Feigheit
vor der Entscheidung, vor der Tat!


Sind mehr als tausend Jahr verronnen,
ich sehe nicht, dass Neues hätt` begonnen!

Faust:
Es braucht Bedacht, wonach wir streben.
Bedenkt, dass unser ganzes Leben,
mit den Gesetzen, der Moral und auch den Geistespfründen
sich auf das Buch der Bücher gründen!
Da Ihr für nichtig es erklärt,
so niemand weiß, was weiterführt!

Meph.:
Das klingt sehr schön und ist auch fein gesprochen,
doch nur verschweigt, dass Ihr doch längst mit diesem Gott gebrochen!
Habt viel Gelehrsamkeit der Welt zu weisen,
versteht ganz trefflich
Euch auch selber anzuscheißen!
Am Tag der Pfaffen Speichel lecken
und nachts die alten Geister wecken!


Ob Pfaffenrede oder Reden an die Geister
ist beides nicht bewiesen und auch der gleiche Kleister!
Ihr träumt den Traum vom Lüfteschweben
und seid nur Steine, die am Boden kleben.


Das alles ist nicht neu und Euch bekannt,
doch offenbar versteht Ihr nicht zu leben
wenn ringsum keine Geister schweben!
Denkt weiterhin in diesen Bahnen,
gebeugten Haupts voll wirrem Wahnen,
doch strebt nicht mehr!
Beleidigt nicht die Wissenschaft!


Sucht Euch in Demut und Gebet zu üben
wenn Hunger, Krieg und Seuchen wüten,
erfreut Euch, wenn ein Blümlein sprießt,
bis es des Nachbarn Ochse frisst!

Faust:
In Häme er sich leicht ergeht,
weil er vom Menschen nichts versteht.
Mag er mich einen Feigling heißen,
so sagt doch wie!
Wie soll ich denn mein Schicksal wenden?
Des Menschen Maschen sind so fein gestrickt,
und es darf keine reißen!

Meph.:
Verzeiht mein Freund,
Verzweiflung ließ mich spöttisch reden,
doch weiß ich nur zu gut,
wie schwer es ist den alten Plunder wegzuschmeißen,
sich auch wirklich loszureißen,
wenn von Kindesbeinen an die Welt
mit Kreuzen und Verboten und mit Bibeln zugestellt!


Macht endlich Schluss mit diesem Monologisieren,
so traurig Gott und Gestern nach zu spüren!
In einer neuen Zeit, die der Erkenntnis sich geweiht,
wird nichts und niemand
nach Gut und Böse aufgereiht,
es zählt nur Nutz! Und Nützlichkeit!


Jetzt prüft Euch selbst:
Wie steht`s mit Euerer Wertigkeit?
Ist`s Nutz oder Begehrlichkeit?

Faust:
So will ich einen alten Weg hier enden,
soll Geisterei und Bibelspruch den Weg ins Feuer finden!
Ich stell` mich ganz auf Wissenschaft,
das was ich sehe, messe, greife
soll fürderhin mich nur begleiten,
die Universität
auf einen neuen Weg geleiten!

Meph.:
Wahrlich brav gesprochen, ja so geht’s entzwei!
Der Erkenntnis folgt das Wort
und jetzt handelt
und seid frei!

Gretchen tritt ein.

Gretchen:
Verzeiht, Ihr Herren, nit stören wollt ich den Disput,
doch unser Kind
heut wild in meinem Leibe tobt!
In mir ist Hitz und Atemnot,
selbst Bilsenkraut nit helfen tut!
Ich hab so Angst um unser Kind!

Meph.:
Dies Kind aus einem hohen Geist entsprossen,
in stolze Anmut eingegossen,
Natur zeigt hier das Mögliche der Möglichkeit!
Der Menschheit Zierde wächst in Euch als Frucht,
wie man wohl seinesgleichen sucht.
Ich segne Euren Leib!

Mephisto macht eine segnende Handbewegung.

Für Heute muss ich mich empfehlen!

Mephisto geht ab.

Faust:
Die Abendluft wird Eure Hitze kühlen,
mit ein paar Schritten drauß im Garten
schöpft Ihr ganz sicher…

Gretchen:
Schickt mich nit fort, ich muss Euch sagen,
diese Gesellschaft kann ich nur schwer ertragen!

Faust:
Wieso?!

Gretchen:
Der Mensch, den Du jetzt bei Dir hast,
ist mir in tiefster Seel verhasst!
Es hat in meinem Leben
so nichts mir einen Stich gegeben,
als dieses Menschen sein Gesicht!


Ich bin sonst allen Menschen gut,
doch seine Näh bewegt mein Blut!
Und wie ich mich freu die Welt zu schauen,
hab ich vor ihm ein heimliches Grauen
und halt ihn für einen Bösen dazu,
Gott verzeih, wenn ich ihm Unrecht tu!


Möcht nit mit seinesgleichen leben!
Wie er heute kam zum Tor herein,
sah er so bös und spöttisch drein
und halb ergrimmt,
man sieht, dass er an nichts einen Anteil nimmt.
Es steht ihm an die Stirn geschrieben,
er mag nit eine Seele lieben.


In seiner Nähe kann ich nit mehr beten,
das frisst mir tief ins Herz hinein!
Dir Heinrich, muss es doch auch so sein?!

Faust:
Ich bin durch diese Welt gestürmt,
ich bin ein Leben durchgerannt,
hab Buch auf Bücher aufgetürmt,
hab mich um Wissen hingebangt!


Gedanken ließ ich Kreise ziehn
und ruhelos mein Geist tat schweifen
von Knotenschlag auf Fadenzug,
doch nichts genügte, nichts war zu greifen,
- es war nur alles Selbstbetrug!
Ich bin ein Wissensmeer durchschwommen,
als Wasser ist es mir zerronnen!
Den letzten Sprung, den hab ich nie gewagt
bis dieser kühne Geist,
so hochbegabt wie Welt gereist,
so kraftvoll in mein Leben trat
und riss hinweg das dunkle Tuch,
da lag`s vor mir, das was ich such!
So einfach ist die Welt und gar nicht ausgeklügelt,
grad wie ein neues Leben
hat er mir meinen Geist beflügelt!

Gretchen:
Ihr Herren spielt doch Knabenspiele,
baut hoch und höher Wolkenziele,
könnt nichts und niemand in sich selbst belassen,
sucht stets die Welt aufs neu zu fassen!


Doch will ich gern zufrieden sein,
ist er nur glücklich, Heinrich mein!


Nur wie auch immer er sich müht,
dass er doch niemals übersieht,
das letzte Wort bei Gott nur liegt!

Faust:
Ganz recht! Und bevor das letzte Wort gesprochen
wird hier gleich morgen ausgekehrt,
wird hier das Alte raus gebrochen,
der dumpfe Schmöck - hat viel zu lange schon gewährt!


Kein Instrument, kein Buch bleibt stehen!
Hinaus damit!
Kein Stück und daraus auch kein Teil,
hinweg damit, ich biete alles feil!

Selbst wenn es nur zum Feuern taugt,
mir ist es recht, ist ausgelaugt!
Ich hab`s durchforscht und ausgewrungen,
hab`s ausgequetscht und nichts errungen,
gewogen und zu leicht befunden!


Seid mir gegrüßt, ein letztes Mal,
ihr fetten Schwarten, Pergamente!
Seid nichts als Muff!
Nur schal und schal!

Faust geht ab.

Gretchen:
Wie konnt nur so was mir begegnen,
ein Zinker tut mein Kindchen segnen?!
Was dieser sich da angemaßt,
so recht zu einem Bösen passt!
Und Faustus hat es nit gehört,
er hat ganz einfach weg gehört!
Wer ist dann hier im Haus der Herr?
Was wird uns denn hier angericht,
dass Faustus meine Ehr vergisst?!
Was braucht es denn, dass er ihn fasst
und uns den Kerl vom Halse schafft?


Er macht mich krank,
ein böser Geist!
Den Bauch tuts mir in Krämpfen ziehn,
das Kind fährt mir im Leib herum,
als wollt`s hinaus,
von diesem Menschen weg zu fliehen!


Soll Luft herein und alles weg,
nur weil ein frecher Gockelschleck
am Alten sich das Maul gewetzt
und Was-weiß-ich dahergeschwätzt!


Es bleibt doch nichts,
das Neue kommt doch Schritt für Schritt,
doch dass es jetzt so plötzlich geht,
das kenn ich nit, das leid ich nit!


Soll alles fort,
fort in den Ofen!
Das schöne Leder,

Gretchen tritt ans Regal und breitet die Arme aus.

die schönen Bücher!
Blatt um Blatt,
das schöne Zeug!

Sie nimmt ein Buch aus dem Regal, schlägt es auf, blättert.

Das schöne Buch,
die schönen Bilder,
das müssen hier die Geister sein,
von denen Heinrich so oft spricht.


Und alte Schrift,
ist wohl Latein,
doch da ich nichts versteh
wird mir auch nit die Seel vergift!
Ich werf`s nit fort, es tät mich reuen,
soll doch Jung-Heinrich noch erfreuen!


VI


Nachmittag im Studierzimmer

Das Studierzimmer ist leer geräumt, die Wände sind frisch gekalkt.
Ein Studierpult und ein Tisch stehen verloren.
Faust und Mephisto betreten gemeinsam den Raum,
Mephisto schaut umher, seine Überraschung ist offensichtlich.


Faust:
Ich seh Euch schweigen, seh Euch staunen,
andächtig in die Runde schauen,
doch auch mir selbst erscheint`s nur noch als fernes Ahnen,
dass ich zu meines Vaters Tagen,
hier Sude kochte und das Kraut gepresst!
Ach!
Da ich suchte Wurzeln, Blüten, Rinden,
uns ein Mittel zu erfinden
gegen diese schwarze Pest!
Deren harte Beulen schnitt und presst ich,
tupfte sie mit Wein und Essig,
nur um selbst es zu riskieren,
Teil der schwarzen Wut zu werden!
Gespenstertanz mit Schwarzkapuzen,
die schweigend nach den Toten suchten.
Verlogene Zeit,
da mir die Menschen glaubten,
meiner Kunst sich anvertrauten!

Meph.:
Als Ehrenmann wird es Euch ewig Schmerz bereiten!
Wie solltet Ihr es auch erfahren,
dass es doch nur die Flöhe waren,
die auf den Ratten zu den Menschen reiten.

Faust:
Ah, diese Ratten, was ein grässlich Volk!
Auf jedem Balken, in jeder Ecke,
erschlagen haben wir genug!

Meph.:
Da habt Ihr Eure Kraft verschwendet,
hätt` besser Schaufeln drauf verwendet,
um all den Abfall weg zu schaffen,
der knöcheltief in Euren Gassen,
die Augen reizt und stinkt und gärt,
die Schweine und die Fliegen nährt!


Noch heute Nacht kann es passieren,
dass alle Ratten wiederkehren.
Das wär ein schöner Sensenschlag,
das Volk sich schier verdoppelt hat!


Zwei hausen hier auf einem Fleck,
so einer sich zur Arbeit schickt,
ein anderer auf dem schmalen Brett
schon wieder sich zur Ruhe streckt.
Sie hausen grad so eingezwängt
wie auch die Häuser dicht gedrängt,
die Mauerknochen nass getränkt,
die Schädeldächer hingekrümmt.
Wo jeder pisst, ein jeder scheißt,
ein anderer Wasser schöpft und säuft.


Zum Magistrat geht ungesäumt,
damit der Dreck wird abgeräumt!
Auch sprecht, dass uns ein Rohr geführt
herein vom Wald am Taubenberg,
als Sprudelquelle dieser Stadt
mit klarem Wasser, reich und satt!
Und sorgt, dass jedes neue Haus
sich nicht mehr auf die Erde setzt,
auf Kellermauern abgestützt,
kein Wasser Wand und Atem netzt!


Und macht, dass jeder neue Raum
die Höhe von acht Fuß besitzt
und jedes Fenster
drei Ellen auf drei Ellen misst,
damit sich Luft und Licht ergießt,
der neue Geist in dieser Halle
sich dann der ganzen Stadt erschließt!

Faust:
Wo andere jahrelang sinnieren
tut Ihr es frei Hand hin skizzieren,
gelobt der Tag,
da Ihr mir zugeführt!


Doch was Ihr aus dem Ärmel schüttelt,
das endet nur im Rebellieren,
es wird der Stadtrat durchgerüttelt.


Statt die Verordnung fest zu schnüren,
wird er noch Jahre diskutieren,
im Glanz der Worte sich zu spiegeln,
statt festen Muts gleich einzusiegeln!

Meph.:
In diesem Raum herrscht Wissen, klares Denken,
doch für die Welt gilt es die Hebelkräfte zu bedenken!
Drum wird es Zeit, dass ich als Euer Comitat,
noch heut, bei einem Wein im „Goldenen Rad“,
der guten Worte an ein kluges Herz verschenk,
damit sich nichts entgegen stemmt
und morgen Euch im Ratsgebäude
ein ungeteilter Beifall werde.

Mephisto geht ab - Magd stürzt zur Tür herein.

Magd:
Die Grete wirft sich hin und her
in Traum und Wahn,
sie stammelt wirr von einem Tag:
Die Luft ist rot, obwohl es keine Sonne hat!
Und Menschen tobten durch die Gassen!
Oh Heinrich hilf!
Sie sagt, sie holen Euer Kind!

Faust:
Was sind denn das für krause Sachen,
die uns die schwangeren Weiber machen!
Nehmt Wadenwickel! Sie werden nass
mit Fiebersenken das Gemüt auch kühlen
und Gretchen sanft zum Schlafe führen.

Magd:
Das Kind ist krank!
Unselig ist die Schwangerschaft!
Hart treibt der Leib die wilde Frucht!

Faust:
Raus!
Schick dich drein!
Und dass du weißt,
Martini wird dein letzter sein!


VII


Morgen im Studierzimmer

Faust im Studierzimmer an einem Tisch, Mephisto kommt ohne anzuklopfen
hereingestürmt; er hat die Tür noch nicht geschlossen und berichtet bereits:

Meph.:
Die ganze Stadt ist toll und voll,
ein Hämmerdröhnen überall,
der Zimmerleute Liederschallen,
dazu der Karren Pflasterknallen!


Soeben kam ein Ratsherr mir entgegen,
erst zuckte er, wollt dann in eine Gasse fliehen,
kurzum er schien mir sehr verlegen,
gut möglich auch verdrossen,
kann er`s doch nicht verstehen,
was wir der Stadt beschlossen.


Es ist das Geld, wo immer es tat stecken,
jetzt will es die Renditen hecken,
aus Mauerritze, Topf und Strumpf
kommt es nun endlich rausgehupft.


Und Geld weiß sich den Raum zu schaffen,
schon Tausend an den Schanzen graben,
damit die Wälle abgetragen,
die Gräben wieder zugefüllt.
Bald ragen breit die freien Gassen,
schon Tausend auf den Mauern toben,
die Zinnen steh`n in Staub gehüllt,
das Haupttor liegt heraus gerissen!
So ist der neue Geist zu loben,
schlussendlich hat man doch begriffen:
Die Festung ist noch nicht ersonnen,
die nicht mit Geld wird eingenommen!

Faust:
Das Schießzeug liegt am Karlstor abgeladen,
der Kommandant mit eigner Hand
hat dem Gerät die Zapfen abgeschlagen.
Jetzt ragt es tot zu einem Haufen
und das ist gut, denn den Krieg,
den können wir nicht brauchen!

Es klopft an der Tür, ein gut gekleideter Besucher tritt ein, die Tür bleibt offen.

Besucher:
Mein Herr und Meister,
der Hohe Herr von Schneck,
schickt mich Euch besten Gruß zu bieten!
Doch damit lässt er`s nicht bewenden,
bedient Euch hier mit drei Prozenten.
Bei ihm seid Ihr so hoch geschätzt,
er weiß, was man an Euch besitzt.

Der Besucher macht ein Handzeichen in Richtung der Tür, Bewaffnete drängen
herein, die Situation wirkt bedrohlich. Eine Geldkiste wird auf den Tisch gestürzt,
Geldstücke ergießen sich, rollen über den Boden.


So künftig er partizipiert,
ein Anteil wird Euch zugeführt!
Er hatte leider keine Zeit
es schriftlich hinzusetzen,
doch Ihr versteht,
er ist schon wieder in Geschäften.
Mit bestem Gruß
Meine Reverenz!

Er geht ab, die Bewaffneten folgen, Faust und Mephisto mustern sich.

Faust:
Wie sagtet Ihr, es gelte Hebelkräfte zu bedenken,
um diese Welt sich hübsch zu lenken,
so sagt, was Ihr im „Goldenen Rad“ getrieben?
Der Abend war`s, auf den der Tag dann folgte,
da ich vor unseren Rat getreten.

Meph.:
Ich habe mich nur zum Schneck gesetzt,
da er den ganzen Wald besitzt
aus dem man jetzt die Röhren schnitzt,
darin das Wasser zu uns gleitet.
Das Holz, aus dem man Stützen schneidet,
die Fenster sägt, die Schindel schlägt,
das Holz, mit dem nur er bestimmt,
zu welchem Preis man Ziegel brennt.


Ganz still hat er mir zugehört,
den Stift zur Hand genommen,
entschlossen alles aufnotiert,
der Mauern, Hölzer Maß geschätzt,
die Zahlenformeln hingemurmelt
hat er gerechnet und gesonnen,
dabei den ganzen Tisch verritzt
und dann den Bürgermeister einbestellt.


Noch in der Nacht war ein Entschluss,
ohne Brief und ungesiegelt, Aug in Auge abgesegnet!


Und gleich am nächsten Morgen,
da Euch der Stadtrat applaudierte
hat er mit seinen Kettenhunden hoch zu Pferde
den Bauern zwischen Taubenberg und hier der Stadt
die Wechsel präsentiert
- und nicht mehr prolongiert!


Die Bettelbande fort gejagt,
das Viehzeug abgetrieben,
die Bretterbuden angezündt
und die gesamte Flur
auf seinen Namen umgeschrieben.
Denn dort, wo demnächst Wasser rinnt,
sich bald ein neuer Stadtteil drängt.

Faust:
Verdammt der Schneck!
Dem schon die halbe Stadt gehört,
hat Dank der Wissenschaft
sein Geld jetzt dreifach hingemehrt!

Mephisto stapelt während der nun folgenden Wortwechsel Geldstücke.

Meph.:
Der Schneck, das ist ein braver Mann,
der weiß, es kommt aufs Pulver an!
Tut es dazu schön trocken halten
und auf die rechte Stund warten!

Faust:
Was glaubt er denn?
Ich tu`s doch nicht für einen Beutel Gold!

Meph.:
Das weiß er schon,
doch ebenso, dass dieser Universität
das Defizit gleich einer offenen Wunde schwärt.

Faust:
Wie oft hab ich zu manchen Zwecken
versucht dem Schneck sein Geld zu wecken?!

Meph.:
Da habt Ihr noch mit Zaubersprüchen rumhantiert,
doch da ist Geld nicht interessiert,
jetzt kommt`s von selbst zu Euch geflogen.

Faust:
Nachdem es aus dem Stadtsack raus gestohlen!

Meph.:
Versteh Euch nicht, dass Ihr es nicht begreift,
der Schneck, die Macht, stellt sich auf Eure Seit!
Der Schneck ist unser bester Helfer,
weil er in seinem Eifer
ein jedes Sandkorn gleich entfernt,
das unserm Werke lästig wird.

Faust:
Ich leid es nicht, dass unsere reine Wissenskraft…

Meph.:
Ich weiß, das Geld ist bös
und der Arme gern sich Tröstung spricht:
Es wär zu loben der Verzicht;
der ganze Mensch,
Charakter, Seel und Angesicht
würd eh nur übel zugericht!


Dabei bringt Geld nur an den Tag,
was still im Mensch verborgen lag.

Faust:
Ich leid es nicht,
dass man uns lenkt, am Ende zwingt,
so wie es die Profite bringt!


Die Talerstangen –
ich kann sie nur verächtlich finden,
es tät auch keiner die Schweine aufeinander binden.

Meph.:
Das Mehr und Mehr sich selbst bedingt,
was sich nicht mehrt, wird aufgezehrt!
Seht ihr des Kaisers eingemünzten Blick!
Der alles sieht, doch nicht erzählt,
für was man ihn hat hingezählt.
Und er verschweigt die Wege,
die er hat genommen,
auch nicht verrät,
wer diese Pfade ausgesonnen.
Stumm tut der Taler seine Pflicht,
er ist nicht gut, er ist nicht schlecht,
er wiegt nur, was er nützt!


Drum richte der nur über Geld,
der Kapital in Händen hält,
und wen die Lust am Golde nährt
der Menschen Wesen auch erfährt!
Doch wirklich Geld, das habt Ihr nie besessen,
habt Euch an Pergamenten satt gefressen!

Faust:
Was Ihr Euch echauffiert,
habt`s gar noch promoviert!
Die Menschen abzuschätzen, zu taxieren,
sie so richtig anzuschmieren.
Wie man die Ware legt und zeigt,
damit die Habgier aufgereizt.
Wie man die Worte, süß wie harte,
wohl verschränkt,
damit sich eine Seele fängt.
Grad weil der Plunder gar nichts nützt,
sie geradewegs ins Unglück stürzt.


Der täglich in sich geht und denkt
ob irgendwo ein Pfennig winkt,
wo tut man einen Dummen finden.
Und will ihm beides nicht gelingen,
tut er die eignen Leute schinden.


Dem jäh die Wut aus seinen Augen sticht,
nur weil dem Knecht ein Werkzeug bricht.
Weil alles soviel kost und der es nicht bedenkt,
dass nichts und niemand etwas schenkt.


Mit diesem Treiben gut zu leben,
gilt es sich täglich einzureden,
seinesgleichen vorzubeten,
der Mensch sei schlecht!
Noch schlechter als die Welt zu sein,
das wäre folglich recht!

Meph.:
In einer Welt, wo jeder dies, mal jenes eidet
und es auch schnell vergisst,
mit Schnickschnack Ihr die Zeit vergeudet,
das Geld allein verlässlich ist!

Faust:
Was immer dieses Geld auch sei,
ich will es nicht!
Und es ist mir dabei einerlei,
ob es nur Angst, nur Spiel oder gemünzte Freiheit sei!


„Sind mehr als tausend Jahr verronnen,
ich sehe nicht, dass Neues hätt` begonnen!“
Das war doch Euer Spruch, ich hab ihn nicht vergessen!
Den dürft Ihr auch dem Geld aufmessen!


Es sei geendigt, es ist genug!
Hinweg mit Gott und Geld und Geisterspuk!
So einer je das Gute wollte,
ich will es auch, ich bin der Faust, ich will es tun!

Meph.:
Was habt Ihr vor?
Das Geld, das ist die Schmier!
Die halbe Menschheit hängt am Protz, am Stehlen,
wollt Ihr sie jetzt zum Bessern quälen?

Faust:
Ich denk, es lässt es sich nicht vermeiden,
dass wir das Geld uns selbst erzeugen.


Was hier in dieser Stadt geschieht
bald anderen Orts auch Kreise zieht,
dass Raffer und Konsorten
begierig in den Talern wühlen,
das heiße Herz am Gold zu kühlen.


Für uns gibt’s wieder Säbelrasseln,
gesüßt mit etwas Talerprasseln,
von soviel Kleinmut hart umgeben
mag ich die Wissenschaft nicht leben!


Ich will nun einen Kranz mir flechten
aus Handwerk, Banken und Geschäften,
die im Verbund von Gegenseitigkeiten,
verlässlich sich Gewinne hegen,
da sie das Geld als auch Gefälligkeiten
nur unter sich im Kreis bewegen.


So will ich eine Macht errichten
aus allen Gilden, allen Zünften!
Denn über Stadt und Land verteilt,
mir noch immer zugeneigt,
in Amt und Würden und Geschäften:
die alten Schüler, Absolventen.


Sie alle will ich mir verpflichten,
den Dank in heiligen Prozenten,
als zehnten Teil uns zu entrichten.
Derart verlässlich Provisionen schröpfen,
lässt uns auch stetig Wissen schöpfen,
und mit diesem dann den Kreis zu nähren,
wird einen steten Geldfluss uns gerieren.


Und dann wir …
… wir werden Lamm und Löwe kreuzen!
Wir werden Sternenbahnen ziehn!
Des Meeres Schätze aus den Tiefen saugen!
Wir werden … Was wir immer auch erdenken,
uns wird nichts mehr unmöglich sein!


Im Zentrum dieses Konsortial,
als Lenker und als Principal,
erlaub ich mir Euch nun zu fragen:
Wollt Ihr der Forschung Bürde tragen?

Meph.: (Faust abgewandt)
Wie dumm er schwätzt?!
Er morgen Lamm und Löwe kreuzt,
bald Mensch und Schwein, und Spatz und Rind!
Am Ende möcht er selbst es sein,
was er auf seinem Teller find.

Meph.:
Gar trefflich ist der Plan geraten,
ich wüsste nichts Euch abzuschlagen!
Doch mit Zweifeln sich die Neider schminken!
Paris, Palermo – alte Universitäten,
sie alle sich was Besseres dünken,
sie werden kaum zum Werke treten!
Und diese Stolzen zu gewinnen,
Wir müssen einen Bürgen bringen!

Faust:
Der alte Wagner!
Er war mein Lehrer und Professor!
Er hat Homunculus gezeugt!

Meph.:
Ein Greis? Die Schlummerrolle als Gedankenstütze!

Faust:
Hoch ist er an Jahren – höher ist sein Ruhm!
Ich wüsst mir keinen Besseren
als ihn an unserer Seit!


Und die Feder -
Ja! die weiß ich wohl zu schnitzen,
die Botschaft in sein Herz zu ritzen!


Das schönste,
feinste Pergament…

Faust stürmt zur Tür hinaus.

Meph.:
Faust… Faust!


Mephisto, für einen Moment unschlüssig, wendet sich den Geldtürmen auf
dem Tisch zu, betrachtet sie gedankenverloren, legt einen Zeigefinger auf
den höchsten der Stapel und beginnt den Turm zu bewegen, als ob er ihn
zum Einsturz bringen wollte.
Er verharrt, führt den Turm wieder in seine stabile Lage.


Er wird sich niemals neu gebären!


Und wird nie mehr geboren sein!
Er steht in Blindheit angezählt!
Die letzte Schar wird er nicht mehr begleiten
wenn diese Erde in die Sonne fällt!
Vielleicht! Wer weiß. Sein Schicksal muss er selbst bestreiten.
Und spaßig – ist er außerdem:
Mit Brettern vor dem Kopf,
die ihm sofort die Welt bedeuten.


Doch klug wär ein Gelass bereitet,
denn so der Unhold sich nicht bändigt,
wem immer er dann ausgehändigt…


Im roten Schacht
im Bronnenmaul am kalten Stein,
ein Abt will sein Geselle sein!
(Bezugnahme auf die Sage, Johannes Entenfuß,
Abt des Klosters Maulbronn, sei der Zauber-
kollege Fausts gewesen.)
Er leihet Faust die Frevlerhand!
Und die Monstranz!
Sie beide in der Tiefe bannt!
Ein Quader im Quadrat,
das sei des Kerkers Siegel,
(Verweis auf einen Stein im Fußboden des
Cellariums im Kloster Maulbronn.)

Stein im Stein –
ein harter Riegel!

Er nickt bedächtig und verlässt gemessenen Schrittes den Raum.

 

 

VIII

 

Abend vor der Stadt

 

Im Bühnenhintergrund ist eine Abbruchstelle der Stadtmauer zu sehen, die geschaffene
Lücke öffnet den Blick in die Gassen der abendlichen Stadt.
Unter einer Pergola sitzt der alte Wagner, in seinen Händen das Anschreiben Fausts.
Bei ihm sitzt Mephisto, während Faust – sichtlich aufgeregt – im Stehen spricht.

Faust:
Endlich könnt Ihr Edler leisten,
da Ihr versteht und rasch ergreift,
erkühnt Euch, tut Euch frisch erdreisten,
die wahre Frucht ist uns gereift!

Zum Banner sich die Menschen drängen,
so dankbar ihre Kräfte bringen,
des Werkes Feuer zu entzünden,
tut Ihr das rechte Wort verkünden!

Die Wissenschaft fort an bestimmt,
was diese Erde weiter bringt,
denn das ist was der Menschheit fehlt,
ein wahrer Geist, der Ihr befiehlt!

So alle sind im Werk vereint,
so werden wir auch Bauherrn sein!

Wagner:
Mein guter Faust, was könnt Ihr Purzelbäume schlagen,
der liebsten Worte mir zu sagen.
Und dennoch lass ich mich nicht binden,
die neue Ordnung zu verkünden!

Denn Kapital im Kreis bewegen,
heißt stetig fremdes an sich ziehen.
Ihr werdet Tausend ruinieren,
und noch mal Tausend bankrottieren,
nur weil sie nicht dem Werke dienen,
nur weil sie nicht zum Ring gehören!

Faust:
So hebt doch endlich Euren Blick
und schaut was da vor Euch geschieht!
Hört Ihr nicht mehr als Hämmerpochen?
Dort wird Geschichte umgebrochen!

Meph.:
Es sind jetzt wieder Alpha-Stunden
wie weiland, da Rad und Buchdruck war erfunden:
der Zufall ist nicht mehr Prinzip,
das klare Denken wird geübt!

Faust:
Doch werden wir die Welt nicht führen,
solange Gold und Geld agieren,
bevor wir irgendwas beginnen,
wir müssen`s in die Knie zwingen!

Zu enden Gier und Dummheit Possen,
schon Plato war der Plan erschlossen,
dass sieben Weise sollen regieren!

Wir dürfen uns nicht selbst bescheiden,
wir müssen Form und Wille zeigen.
Denn freie Forschung, Lehre Macht
hat unterm Geldjoch keine Kraft!

Wagner:
Die Wissenschaft ist weise, und folglich sei und muss,
das nenn ich Katzen grün bestreichen,
um grüne Katzen zu beweisen!
Die Kunst der Rede nennt es den Zirkelschluss!

Rennt Euch die Welt nicht schnell genug
Was braucht`s denn ein Kollegium?!
Nicht nur von hinterm Ozean,
von allen Seiten drängt`s heran!

Ein Zorn! Ein Spott! Und was man diskutiert,
zu meiner Jugend – kein Mensch hätt dran gerührt!

Faust:
Nun ja, die Luft hängt sauer,
gleich wie von ungeklärtem Wein!

Wagner:
Ho, ho! Ihr nennt es ungeklärten Wein!
Es könnt auch Most
just vor der Wallung sein!
Ihr denkt und redet Herrensprache:
„Wenn sich die Welt auch überschlägt,
letztendlich bleibt sie unbewegt!“

Heut geht’s um mehr als arm und reich –
als Herrenstolz und Anderer Neid,
rein evangelisch wird gemessen und verwogen:
Adel, Papsttum, Handelshäuser,
Wucher, Horten, Hungerlöhner –
sind Willkür! Sünde! Angreifbar geworden!

Richterkauf, Titelkauf, Steuerbürden, Ämterschieben,
ist allesamt nicht Gott geschrieben!
Der Herren Antwort – gefährlich und vermessen –
ist nur ein dumpfes: „Wir brauchen Geld! Wir haben Rechte!
Wem es nicht passt, bekommt den Spieß zu fressen!“

Faust:
Sie streiten jetzt um Freiheitsrechte,
doch wartet ab,
es kämpfen Knechte gegen Knechte!

Meph.:
Es wird der Nasenring getauscht,
das ist es, was den Mensch berauscht!

Wagner:
Und ein Geldring soll`s für Euch erringen,
die Welt zum Guten hin zu zwingen!
Die Logik lässt ihn erst parieren,
die Habsucht macht ihn rebellieren
und darum gibt es kein Vertrauen,
wollt selbst nicht auf die Schüler bauen!

Auch les` ich hier vom Wert im Werk
und dass der Mensch nur nützlich sei.
Doch seh ich Dichter, Diebe, Bettelweiber,
Soldaten, Schelme, Hurentreiber…

Faust:
Es werden sich so langsam
mit dem Gang der Dinge
die Wege und auch Mittel finden
die Unbeholfenen einzubinden!

Wagner:
Die Menge ungenutzten Volks ist stark!
Allein was da am Luxus schafft,
der sinnlos wird dann weg geprasst!


Ein jeder zweiter lebt vom Geld, vom Raube,
von Lug und Trug und Liebessucht
von Hoffnung, Heil und Glaube!
Ja selbst ein Dieb ist tugendhaft,
da er dem Nächsten Arbeit schafft!

Faust:
Das Werk allein soll Herzen füllen,
der Seelen Sehnen nach Gelingen!
Doch wehe dem, der nicht versteht
und unserm Ratschluss widerstrebt,
den Götzen weiter anzuhängen,
ihn wollen wir in die Klarheit führen,
Er wird des Werkes Willen spüren!

Wagner:
Um Himmelswillen!
Wollt Ihr denn Mordbefehle schreiben?!

Faust:
So seid beruhigt!
Es wird nichts formuliert,
rein gar nichts unterschrieben!

Es wird den Herzen eingraviert:
Der Mensch! – Er will sich selbst dem Werke geben!

Wagner:
Gott hat Euch nicht der Welt gesellt,
dass Ihr Euch über Menschen stellt!

Mephisto erhebt sich entschlossen aus seinem Sessel.

Meph.:
An den Wendepunkten der Geschichte
hat der Eine keine Rechte!

Wagner:
Papperlapapp!

Wagner wendet sich an Faust:
Müht Euch die Menschen was zu lehren,
doch keine Kreaturen Euch zu schnitzen:
Ein dumm geschwätztes Volk!
Ein Popanz Euerer Eitelkeit!
Dem Nichts im Nichtse grad zu nütze!

Meph.:
Erst wird Homunculus gezeugt,
der Wissenschaft einst größte Zierde,
am End ein Psalter hingegeigt,
die Menschheit bleibt als angeschmierte!

Wagner:
Ich hab Homunculus gebaut,
doch dann dem Meer ihn anvertraut,
tat tief und tiefer es bedenken,
was ich da wollt der Menschheit schenken,
ob Moloch oder Hampelmann,
ist immer Tand von Menschenhand,
bleibt Scharlatan vom Scharlatan.

Ein Traum im Traum ist unser Leben,
sollt` Euch damit zufrieden geben!

Mephisto schaut in die Luft, spricht zu sich selbst:
Die Alten sind recht tugendlich,
die haben alles hinter sich!

Zu Wagner gewandt, schreit:
Du feiger Kerl!

Wagner:

Was?!
Der Adelstitel aberkannt,
dem Scheiterhaufen knapp entgangen!
Jetzt werd ich „Kerl“ und „feig“ genannt!

Schert Euch hinweg!
Ihr wollt nur diese Welt regieren,
allein Euch selbst dann auf zu führen
als neuer Papst und Kaiser!

Wer weiß, was morgen Euch gefällt,
nur weil`s die Wissenschaft erhält!

Faust:
Ich bin der Faust!
Ich scheue nichts!

Wagner stemmt sich halb aus seinem Sessel.

Wagner:
Und ich der Wagner! Mit einem Beine schon im Grabe,
auf dass mir`s doppelt gut gerate
zu bringen vor die Welt die Klage.
Die freche Maske ----- Ich! vom Kopf Euch schlage!

Faust:
Ich zahle jeden Preis!
Ich zahle selbst mit Blut!

Und wenn es sein muss,
schreib ich meinen Namen
auf einen Stein
und dazu den tausendfachen Tod!

Wagner:
Eure Kraft kommt aus dem Mord!
Doch der Mord, der ist banal!

Faust:
Sprech mir doch keiner vom Gericht!

Zieht blank…

Ich handle! … durchbohrt Wagner.
Und deshalb hab ich Recht!

Faust und Mephisto stehen regungslos neben dem zu Boden gesunkenen Wagner,
als von der Stadt her eine Kulisse verhaltenen Lärms zu vernehmen ist.
Irgendwo rasselt eine Trommel, die dumpfen Rollgeräusche Eisen bewehrter
Räder und erste Schreie mischen sich dazu.
Fackelschein tastet über Häuserfronten.

Meph.:
Dem Volk, dem ist doch nicht zu trauen!

Mephisto überquert den Platz und verschwindet in einer Gasse. Dann dringen Rufe
aus der Stadt, die Rufe schwellen zu einem machtvollem, wilden Chor an;
einige Rufe werden, ähnlich einem Kanon, wiederholt.


Ein Schwanz?

Mit einem Schwanz?

Ein Kind mit einem Schwanz?

Ja, wie?
Die Grete, die Frau des Faust!

Das Weib des Faust?

Sie hat ein Kind mit Schwanz geboren!

So richtig lang? Und glatt?

Mit Zotteln dran?
Hat`s Hörner auch?

Die wachsen noch!

Meph.:
Sie hat`s mit Satanas getrieben!

Mit Satanas?

Mit Satanas!

Meph.:
Hat ihre Votz an ihm gerieben!

Hat ihren feinen Arsch
dem Teufel hin gereckt!
Und sich ihm hingegeben!
Auf allen Vieren hingestreckt!
Das Pater Noster rückwärts beten!
Und schön gegeilt!
Die Zaubersprüche hingestöhnt!

Meph.:
Hat Gott und Faust, uns alle hier verhöhnt!

Der arme Doktor Faust!

War bei der schönen Teufelshur gelegen!

Er hat`s doch nicht gewusst!

Wie stand sie doch im Kirchgestuhle,
verklärter Blick aus Sündenpfuhle?


Noch heiß bepisst und voll gespritzt,
voll heißer Gier und Teufelsgift!


Der Prosecutor fand in ihrem Zimmer
der Zauberbücher schlimm und schlimmer!



Meph.:
So ist jetzt der Beweis erbracht,
sie mit dem Teufel kopulieret hat!

Und mit den Büchern wird jetzt angeschürt,
der Satansbub dazu geschnürt!


Und bring ein jeder einen Scheit…
und Reiser, Stroh, was sonst gut brennt!

Stopft diesen Balg zurück in ihren Leib!

Damit er nicht die Erd berührt!
Und so das Feuer sich dann türmt,
wird keine Kraft ihm zugeführt!



Meph.:
Und sucht den Faust!

Der Stadt und Unser aller bester Mann!
Was ist ihm Schande angetan!

Wir wollen ihm gemeinsam zeigen,
dass wir mit ihm ein Schicksal leiden!


Und Ehre werden wir gewinnen,
wenn im Feuersturm die Sünden brennen!



Meph.:
Selig! Selig!

Selig! Selig! Selig!
Gepriesen sei der Herr!
Selig! Selig! Selig!


Machtvoll erschallt das Lied. Die Häuser sind in waberndes Rot getaucht.
Faust steht noch immer regungslos.


***


Zur Entstehung von „Dr. Faust im Narrenschiff“
Mai 1999. Meine Lebensgefährtin legte mir Goethes „Urfaust“ auf den Tisch und sagte: „Du bist Faust! Schreibe „Faust“! Merkwürdig genug.
Zehn Jahre zuvor hatte ich meine Lust an eigener literarischer Gestaltung entdeckt und seither Kurzgeschichten sowie Gedichte der freien Form geschrieben. Über „Faust“ wusste ich, dass es ein Gretchen gab, sodann einen Teufel namens Mephisto und eben diesen von Ehrgeiz zerfressenen Doktor Faust, der selbst vor einem Pakt mit dem Bösen nicht zurückschreckte. Hätte ich freilich seinerzeit mein Abitur gemacht, ich hätte mehr darüber gewusst, eventuell mehr, als mir lieb gewesen wäre; man hört, Gymnasiasten werden mit „Goethe“ und mit „Faust“ derart fachkundig geärgert, sie wollen lebenslänglich davon nichts mehr wissen.
Dass ich mich auch später nie mit der Faustthematik vertraut machte, liegt schlicht an der Unzahl von Werken, was müsste – sollte, könnte – ein literarisch schaffender Mensch nicht alles lesen?!
Der Goethesche Faust war für mich vergangenes, wenngleich erhabenes Kulturgut, eine direkte Verbindung zu meinem eigenen Schaffen vermutete ich nicht. Darüber hinaus hatte ich als Jugendlicher einen guten Teil des deutschen Balladenfundus´ in mich aufgesogen, war mit der gebundenen Sprache, dem Reim, dem Knittelvers vertraut, mir jedoch auch bewusst, diese Dichtersprache ist verbraucht.
Beginnend mit dem Minnesang um das Jahr 1000 wurde in der arrivierten Dichtung bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts neben der inzwischen neueren Form der freien Verse auch noch immer mit Reimen gearbeitet. Dass ich jemals mit dieser Sprache arbeite, konnte ich mir nicht vorstellen.
Doch dann Goethes „Urfaust“! Fausts Verzweiflung über sein erfolgloses Streben nach Wissen, von der ersten Zeile an war ich hingerissen; insbesondere von den Versen 1-32 und 45-55 der I. Szene „Nacht“. Mit diesen Zeilen war Faust auch mein Thema geworden, wie von selbst begann meine Schreibhand ihren Faust zu notieren. Meine Begeisterung war derart, mit den genannten Versen eröffnete ich die I. sowie die III. Szene.
Doch anders als der Goethesche Mephisto, der Faust in die Welt hinaus und hinein in das Leben führt, sollte mein Mephisto meinem Faust wissenschaftliche Kenntnisse vermitteln.
Bei allem innigen Vergnügen im Kernschatten eines Goethes zu arbeiten und ihm auch standzuhalten, der Problematik der alten Dichtersprache war ich mir geradezu schmerzhaft bewusst. Gleichzeitig spürte ich, diese meine Faust-Geschichte hat sich diese Sprache mitgebracht, so ich sie in eine andere Sprache zwinge, wird der thematische Fluss versiegen.
Im Juni 2000 betrachtete ich meinen Faust als vollendet, ich betitelte ihn „Faust V“. Selbstredend ließ mich lediglich eine erste Erschöpfung am Thema glauben, dass mein Faust abgeschlossen sei; erst im Januar 2009 gewann er als „Dr. Faust im Narrenschiff“ die letzten Facetten.
Neben Teilen aus dem „Urfaust“ steuerte Goethe mit „Vorspiel auf dem Theater“ aus „Faust I“ einen weiteren Baustein bei; er wurde persifliert und „Dr. Faust im Narrenschiff“ voran gestellt. Die Person des ehrwürdigen Wagner, der einst den Homunculus, ein Männlein, produzierte, stammt wiederum aus Goethes „Faust II“. Neben diesen Bausteinen übernahm ich – wie erwähnt, auch einige Verszeilen weitgehend unverändert. Ich fand sie gelungen, auch inhaltlich passend zu meiner Faustgeschichte, ich sah keinen Sinn darin, Goethes Zeilen strikt zu vermeiden. Der Anteil unmittelbar verwendeter Goethezeilen beträgt etwa zwei Prozent.
Das authentische Zeitkolorit für die II. Szene „An einer Landstraße“ lieferte „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494; dabei wurden teilweise ebenfalls Zeilen übernommen.
„An einer Landstraße“ ersetzte die „Himmelsszenen“ der ersten Ausarbeitung.
In Mephistos Monolog am Ende der VI. Szene ist von einem Abt die Rede; ein Griff in den Fundus von Sagen, die den historischen Faust umgeben.
Aufzeichnungen über „Pflanzenwürckkraft“ verschiedener Ärzte des 16.Jhdts. sind in der I. Szene verarbeitet. Und dass ein Kind mit Schwanz geboren wurde, stand Ende der sechziger Jahre in einer Zeitung zu lesen.
„Dr. Faust im Narrenschiff“ lebt stark von Autobiographischem. In „Vorspiel auf dem Theater“ spiegeln sich Debatten, wie sie in einem Literaturkreis in den neunziger Jahren geführt wurden, und wenn in der VII. Szene jemand „die Ware legt und zeigt, damit die Habgier aufgereizt“, ist es wieder nur der Autor, der hier seine Erfahrungen aus der Textilbranche einbringt.
Soweit zu jenen Werken und Quellen, die zum Werk beitrugen. Beschlagene Leser werden auch einige Splitter „Schiller“ und anderes mehr aufspüren; für mich galt es, eine Geschichte zu fassen.
Wie bereits erwähnt, begann die Niederschrift von „Dr. Faust im Narrenschiff“ spontan, der thematische Fluss drängte derart machtvoll aufs Papier, weitere Recherchen waren nicht mehr möglich. Wohl schien es noch weitere Faust-Literaturen zu geben, doch hielt ich allein Goethe für kompetent. Dessen Urfaust, Faust I sowie Faust II hatte ich auf dem Tisch, zum anderen fand mein Faust wie von selbst seinen Weg durch die faustischen Szenerien des Alles oder Nichts; das entsprechende Gedankengut lag wohl seit langem in mir bereit.
Mein Faust ist Leiter einer Universität vor dem Großen Bauernkrieg von 1525.
Historiker werden sich freilich die Äuglein reiben. Denn ob in jenen Jahren die Visionen des Zeitgenossen Nostradamus bereits als Buch vorlagen? Und über die Ursachen der Pest wusste man damals noch nichts, auch dass sich eine Stadt ihrer schützenden Mauern entkleidete, widerspricht ganz und gar der Historie; das geschah 300 Jahre später.
Für den freien Umgang mit historischen Fakten soll dichterische Freiheit gelten.

Der Autor
Februar 2009


Von der „Historia“ zu „Dr Faust im Narrenschiff“
Wahrnehmung und Betrachtung des historischen Johann Georg Faust im Wandel der Zeiten, sein Weg in der Literatur – ein Überblick.
„…die Stuben voller Blut gesprützet, das Hirn klebte an der Wand, weil ihn der Teufel von einer Wand zur anderen geschlagen hatte. Es lagen auch seine Augen und etliche Zähne allda, ein gräulich und erschrecklich Spektakel. Da huben die Studenten an, ihn zu beklagen und zu beweinen, und suchten ihn allenthalben. Letztlich funden sie seinen Leib heraußen bei dem Miste liegen, welcher gräulich anzusehen war, dann ihme der Kopf und alle Glieder schlockerten…“
So die Schilderung von Fausts gewaltsamen Ende in der „Historia von D. Johann Fausten dem weitbeschreytem Zauberer und Schwartzkünstler“, gedruckt bei Johann Spiess zu Frankfurt am Main im Jahre 1587.
Die „Historia“, das erste der „Volksbücher vom Doctor Faust“, wird zum Bestseller – mehr als zwanzig Mal wird nachgedruckt, und wie zuvor „Der Ulenspiegel“ und „Das Narrenschiff“, wird auch dieses Werk begeistert im Ausland aufgenommen. In London schreibt Christopher Marlowe das Theaterstück „The Tragicall History of the Life and Death of Doctor Faustus“; ein Werk, das zweihundert Jahre später den Rahmen für den Goetheschen Faust liefern wird.
Zwischen Fausts Tod und der „Historia“ liegt ein halbes Jahrhundert. Zeit genug, wie man annehmen möchte, dass sich sein selbst gestrickter Mythos verflüchtigt hätte. Doch die gruselig wundersamen Geschichten seines ungewöhnlichen Lebens waren nicht nur weiter gereicht und fortlaufend mit schaurigen Zutaten angereichert worden, seit etwa 1560 waren erste bescheidene, schriftliche Erzählungen im Umlauf.
Mehr als zu seinen Lebzeiten war Faust Teil des allgemeinen Bewusstseins geworden. Schauermärlein allein hätten das nicht bewirkt, unsterblich machte ihn erst sein spektakulärer Tod. Denn dass der Teufel ihn tatsächlich an die Wand geschlagen und sich die Seele geholt hatte, das erhob alle phantastischen Geschichten, die ihn bereits zu Lebzeiten umgaben, zu „Tatsachen“. Sein „elendiglicher Tod“ war „Beweis“, dass es tatsächlich einem Menschen gelungen war, die Grenzen menschlicher Existenz zu sprengen und sich den Himmel auf Erden zu bereiten. Doch um welchen Preis? Willentlich wie wissentlich hatte er sein ewiges Seelenheil gegen eine kurze Spanne irdischer Genüsse verkauft. Ein Vorgang, der für die Menschen der Frühen Neuzeit schlicht unfasslich war, wenngleich er auch etwas Faszinierendes an sich hatte, sie jedoch tief bewegt und verwirrt haben muss. Dem Schrecken mischte sich Bewunderung bei. Faust hatte ein Leben nach seinen Vorstellungen gelebt, sich wenig um die Grenzlinien mittelalterlicher Hierarchie und Bildung geschert, hatte Umgang mit Bischöfen wie mit dem Volk gepflegt, kleinen Leuten – so wurde zumindest später erzählt – oft geholfen, den Herren dagegen eine lange Nase gezeigt.
Die seinerzeit posthum gepflegte Wahrnehmung seiner Person im Volk ist mit Schabernak-Geschichten dokumentiert: in einer Zeit zunehmender Entrechtung nahezu aller Volkschichten, beginnt sich das Bild des Teufelsbündners zu einem „Robin Hood“ zu veredeln.
Es wird Mode, bei allen sich bietenden Festen, sich als Teufel, Engel oder Zauberer zu verkleiden. Offenkundig ist der Schrecken dem Spaß und der Bejahung gewichen. Die Verharmlosung des Teufels, die Bewunderung für Faust, das muntere Treiben behagt der Lutherischen Kirche überhaupt nicht.
Die Lutherische Kirche ist inzwischen in einigen Fürstentümern etabliert, sie ist Teil der Fürstlichen Macht und als solche führt sie nun einen Schlag. Sie gibt die „Historia“ in Auftrag. Ein Autor wird im Buch nicht genannt; es wird angenommen, es wirkte eine Autorengruppe.
Mündliche und schriftliche Aufzeichnungen einzelner Faust-Abenteuer werden gesammelt, sortiert und aussortiert. Auf stattlichen 226 Seiten, unter Einarbeitung von Teilen der „Schedel´schen Weltchronik“, alttestamentarischen Psalmen, naturwissenschaftlicher sowie theologischer Schriften werden die unglaublichen Begebenheiten, dazu Fausts Lust am Allwissen, zur Beweiskette hartnäckigen Unglaubens und der Gottlosigkeit zu einem scharfen Schwert im Glaubenskampf geschmiedet.
„… dem Teuffel auff eine benandte zeit verschrieben … biß er endtlich seinen wol verdienten Lohn empfangen… allen hochtragenden / fürwitzigen und Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beyspiel / abscheuwlichem Exempel / und treuwherziger Warnung.“
Endlich konnten die Menschen es schwarz auf weiß lesen, oder es sich vorlesen lassen, was der Teufel mit den „Fürwitzigen“ anstellte. Die „Historia“ und die flammenden Scheiterhaufen setzten der Ausgelassenheit ein jähes Ende. Es war auch ein Wink für die Gebildeten, für die Studenten, sich bei ihren Studien an den vorgegeben Rahmen zu halten, nicht zuletzt wird mit dem Werk der Gegenreformation entgegen getreten.
Die Katholische Kirche trägt inzwischen dem Lebensgefühl der Renaissance, der Lust am Wissen Rechnung, sie fördert die Wissenschaften. Gern sieht sie auch protestantische Studenten unter den Studierenden und sie gewinnt beachtliche Landstriche für den Katholischen Glauben zurück.
Die „Historia“ liefert den Beweis, die breite Förderung der Wissenschaften ist ein neuerlicher Römischer Sündenfall; Wissenschaften verführen den Menschen zum Hochmut und zur Selbsterhebung.
430 Faustbearbeitungen werden in den nachfolgenden 150 Jahren geschrieben, sie sind geprägt von der „Historia“; das Dämonische, das Menschenfeindliche steht im Vordergrund.
Eine Änderung erfolgt erst mit der Aufklärung, als man versuchte, die sagenhaften Begebenheiten rational zu erklären. Diskussionen, die wiederum dazu führen, dass Autoren sich unter neuen Gesichtspunkten des Themas annehmen. Doch erst Goethe gelingt es, die literarische Figur des Faust aus der überkommenen moralischen Bewertung zu lösen.
Er formt in seiner Bearbeitung eine Faust-Figur, die frei von Bedenken und Skrupeln ihren Weg durch die Welt geht, und für nichts zur Rechenschaft gezogen wird. In sprachlicher Brillanz ausgeführt, und 1790 als „Faust. Ein Fragment“ veröffentlicht, wird der junge Goethe „unsterblich“ und Faust zu einer so genannten poeto-mythologischen Figur. Heißt: Ungeachtet der Tatsache, dass im späten Mittelalter tatsächlich ein Johann Georg Faust lebte, wird Faust im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu einer Gestalt aus Goethes Feder.
Die „Historia“ ist damit gleichsam gelöscht, „Faust. Ein Fragment“, später „Urfaust“ genannt, bestimmt fortan die Sichtweise auf das Thema. An die hundert geflügelte Worte gehen aus dem Urfaust in den allgemeinen Sprachgebrauch über.
Einzig im Raum des heutigen Baden-Württemberg bleibt der Blick auf den historischen Faust nicht nur erhalten, einige Orte stritten sich fortan um die Ehre, dem Schwarzkünstler posthum Geburtsschein bzw. Sterbeurkunde auszustellen.
Nach 1790 hatte man in Deutschland 150 Jahre hindurch „seinen Faust“ parat zu haben, Faust war Bildungsbeweis, Faust nährte deutsches Nationalgefühl, mit Faust im Tornister zog man in den Krieg; Deutschland war derart von Faust durchdrungen, der „Simplizissimus“ wusste im Jahre 1913 nur noch zwei Sorten von Menschen zu unterscheiden: jene, die über Politik reden und jene, die über Faust reden.
Gegen Goethe fühlten sich selbst anerkannte Wissenschaftler und Ärzte bedeutungslos. Wer etwas auf sich hielt, arbeitete an einer Faustversion. Allein im 19. Jahrhundert entstanden mehr als 1500 Faustbearbeitungen. Sie sind weitgehend unbekannt geblieben, und einzig „Don Juan und Faust“ aus der Feder von Ch. D. Grabbe wird heute noch auf Bühnen gespielt.
Es ist eine Besonderheit der Faustthematik, dass niemals eine Fortsetzung geschrieben wurde, sondern stets nur Variationen des Themas. Faust und Mephisto, der Strebende und der Zerstörer, ihre Charaktere sind absolut, beide können sich nicht mäßigen. So sie aufeinander treffen, kennen sie nur das eine Spiel.
Der Nimbus der Literatur setzte sich nahtlos im Nationalsozialismus fort, Dichter wurden gleichsam „Reichseigentum“, sie waren Teil der Legende von der rassischen Überlegenheit. Der historische Faust wurde als später Wotansjünger eingeordnet.
Das hohe Ansehen der Literatur bewegte auch die Führung der DDR. Man erkannte in Goethes Werken sozialistische Züge, der historische Faust wurde als Revolutionär interpretiert.
Aktuell liegen europaweit etwa 2000 Faustbearbeitungen vor, und die Summe derzeit bekannter Schriften, Bücher, Kommentare, Dokumentationen, die sich mit seinem Leben, beziehungsweise mit der daraus resultierenden Literatur beschäftigen, liegt im Bereich von zehntausend.
Kein Zweifel: „Sein Blut war ein besonderer Saft!“

Copyright! Alle Rechte der Verwertung von „Dr. Faust im Narrenschiff“ sowie der Kommentare im Anhang liegen beim Autor.

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