Der Autor

Hans Andres Jörg Schön im Verhör / Oktober 2010
Die Fragen stellt Walter Werum.



W: „Autoren sind edel und gut!“

J: Siebzig Prozent der Literatur handeln von Mord und Totschlag, von Gier und Eifersucht!

W: „Kunst ist Egoismus!“

J: So ist es!

W: „Der arme Poet“. Schreiben und Armut, ist das ein Muss?

J: Ein Vollblutschreiber lebt gefährlich, der Drang zum Schreiben kann mit dem Berufsleben ziemlich
schnell kollidieren.

W: Geld ist also von Vorteil?!

J: Das Beste an Literatur ist nicht auf Geldhaufen gewachsen.

W: Was ist Literatur? Beziehungsweise, was ist keine Literatur?

J: Wer weiß das schon!? Ich habe so genannte Trivialliteratur gelesen, teilweise hat sie mehr Laune gemacht als die so genannte Literatur.

W: Stichwort „Neue Medien“: Video-Clips, Werbespots, Games. Die Literatur sieht dagegen ziemlich alt aus!?

J: Vor 2000 Jahren gab es die Zirkusspiele, die haben den Menschen auch gefallen. Die Literatur ging deshalb nicht unter!

W: In deinem Fundus sehe ich Balladen, Lyrik, Epigramme, Zyklen, ich finde Songtexte, Schauspiel, Roman … Hast du keine Linie oder willst du dir etwas beweisen?

J: Ein Gedanke, ein Bild, ein Thema – ein Autor muss entscheiden, in welcher Form und in welcher Sprache es sich am besten umsetzen lässt, er muss schauen, mit welcher Form und Sprache er sich dabei am besten fühlt.

W: Sind Texte heilig?

J: Genau! Wir schänden die Sprache und die Kritiker kommen aufs Schafott.

W: „Die Kunst muss demokratisch sein!“

J: Hatten wir bereits: Kunst ist Egoismus!

W: „Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen!“

J: Ein Satz, der nicht falsch ist!

W: Was macht man mit schlechter Literatur?

J: Man verschenkt sie an Leute, die man nicht leiden kann.

W: Gibt es unpolitische Autoren?

J: Nein! In der Summe ihrer Werke werden alle Autorinnen und Autoren in ihrer politischen Linie erkennbar; auch durch das, worüber sie nicht schreiben.

W: Es gibt aber den Lyriker, der nur Naturlyrik schreibt!

J: Nur die Natur? Ein Dichter, der die Menschen nicht wahrnimmt? Das ist sehr politisch!

W: „Schreiben ist die Königsdisziplin!“

J: Ich widerspreche nicht!

W: „Neun Jahre soll es liegen!“ sagt Ovid.

J: Leider hält man sich nicht dran!

W: Sondern?

J: Ich habe in 2000 meinen „Bühnen-Faust“ geschrieben. 5 Jahre später betrachtete ich ihn als abgeschlossen und verschenkte einige Ausdrucke, in 2009 habe ich eine komplette Szene eingefügt.

W: Diese neun Jahre sind also ein Art Standartmaß?

J: Es gibt keine Standards! Die Situation ist von Autor zu Autor verschieden. Die Jahre der Schreiberfahrung, das literarische Umfeld, Allgemeinbildung, Belesenheit, Fleiß, das alles spielt zusammen. Nicht zu vergessen, um welche Art von Werk es sich handelt; ist es komplex oder eher eindimensional.

W: Wie sieht es mit einem Verlag aus? Interessiert man sich für dich?

J: Das, was ich schreibe, ist nicht das, was ein Verlag braucht.

W: Erkläre das bitte näher!

J: Ein Verlag lebt vom Verkauf. Was habe ich im Fundus? Einmal die große Rubrik „Gedicht“. Gedichte verkaufen sich nicht. Dann mein „Bühnen-Faust“, braucht auch kein Mensch; jeder Regisseur schnitzelt sich heute aus „Goethe“ seine eigenen „Faust“. Nicht viel anders meine Essays zum historischen Faust: Ein Randthema. Bleibt der „Münchner Asphalt“. Den wollte ein Verlag mit gerade mal 2000 Stück Auflage verlegen und da sagte ich wiederum: Nein!

Ich hätte seinerzeit einen völlig anderen Weg nehmen müssen. Ich hätte mir über Kurzgeschichten das Handwerk beibringen müssen, mich mit einem Verlag zusammensetzen, mich mit den Leuten auf eine Produktion einigen müssen, um dann fünf Bestseller zu liefern. Nur das ist wiederum eine Art zu schreiben, die mir zu beliebig, nicht genug persönlich ist. Auch widersteht es mir ein Manuskript derart zu dominieren.

W: Was heißt „Dominieren“?

J: Ein Profi plant einen Roman von A bis Z durch, Kapitel um Kapitel, er weiß, was hinten rauskommt. Ich wiederum bedenke das Thema, so wie ich eine Landschaft mit den Augen abgreife, sie immer wieder absuche. Es entsteht eine Idee. Beim Schreiben stößt man auf Dunkelfelder, es ergeben sich Fragen, das Werk hält Fallgruben bereit; Autor und Werk sind verstrickt, das Werk entwickelt eine Art von Mitspracherecht.

W: Es hätte sich aber angeboten, zweigleisig zu arbeiten?!

J: Es wird gesagt, dass andere es so gemacht haben. Ich selbst kann es nicht! Wenn mich ein Sachverhalt, ein Blickwinkel nicht interessieren, habe ich keine Ideen, es klebt die Sprache, es geht nicht vorwärts!

W: Du hast als Laie bei deinem historischen Faust mit der Entschlüsselung des Trithemius-Briefs einen tollen Fang gemacht! Die Wissenschaften haben also doch wenig Bodenhaftung!?

J: Stopp! Erstens ist der historische Faust kein Objekt der Wissenschaften, dafür ist schlicht zu wenig Material vorhanden. Und was die Wissenschaften angeht, so habe ich zwar einen Fisch gefangen, aber Faust, das ist ein Netz. Und um das Bord zu kriegen, dafür greift man nicht nur ständig nach Büchern, man braucht das Gespräch mit Archivaren, Dozenten, mit Historikern.

W: „Bücher bewegen die Welt!“

J: Bücher sollen sich nichts einbilden! Sie haben allen Quatsch und alle Irrtümer mitgetragen.

W: „Bücher verbessern die Welt!“

J: „Die Geschichte lehrt, dass niemand aus der Geschichte lernt.“

W: Warum lernt niemand aus der Geschichte?

J: Weil die Geschichte uns an der Nase führt. Sie macht uns glauben, sie wiederholt sich, dabei benutzt sie bekannte Versatzstücken, um sich immer neu zu komponieren.

W: „Die Kunst ist frei!“

J: Die Kunst ist korrupt!

W: Warum?

J: Die Schere im Kopf knappst automatisch weg, was als wenig opportun erscheint.

W: „Die Kunst ist unsterblich!“

J: Auch nur Quatsch! Dante hat seinerzeit eine Woge der Begeisterung ausgelöst, heute liest ihn keiner mehr. Dante ist zu einem Superlativ für dichterische Größe verkommen.

W: Wenn alle gängigen Aussagen nicht zutreffen, was ist dann die Literatur?

J: Wenn man diesen ganzen Flitter wie Ruhm und Ehre, gut und edel und sonst was weg lässt, ist sie gutmöglich eine Chance zur verschärften Selbsterkundung.

W: Warum „verschärft“?

J: Man kann über einen Sachverhalt nachdenken, man kann ihn diskutieren. Aber erst wenn man die Sache aufs Papier setzt, beginnt man den Sachverhalt in der Tiefe zu erkunden.

W: Schreiben als Selbsterkundung! Mit welchem Ziel?

J: Vielleicht um festzustellen, dass man selbst bei strengstem Bemühen letztendlich nichts am Lauf der Welt ändert, dass man ein Nichts ist.

W: Du bist Pessimist!

J: Nein! Aber vielleicht beginnt dann die wahre Freiheit!





Der Autor: 1953 in München geboren,
beheimatet in Saarbrücken seit 2005,
mit Blick auf Stadt, Land, Fluss,
gehalten zwischen Arbeit und Schreiben,
dem Grün des Waldes zugetan.

Die Fragen stellte:
Walter Werum, Jahrgang 1967, Studium der Politikwissenschaften,
Ausbildung: Informationstechnologie Multimedia, anschließend Produktmanager,
seit 1998 selbstständiger Medienberater.
 
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